Die Kraft der Situation: Über gute und böse Menschen

January 25, 2020

 

Wir tendieren dazu, dass wir Menschen aufgrund einer Handlung nicht nur beurteilen, sondern auch verurteilen.  Schnell sind wir damit, die entsprechende Person als gut oder böse zu bewerten. Dies obwohl unsere Kenntnis über diesen Menschen mehr als dürftig ist. Ist dies gerechtfertigt? Ist es legitim Menschen wegen einzelner Handlungen zu verurteilen und zu kategorisieren, oder greift dies zu kurz? Könnte es sogar sein, dass wir alle Gut und Böse in uns haben und unser Verhalten sehr stark situationsabhängig ist?

 

 

Am Nachmittag des 29. Novembers 2019 attackierte ein 28-jähriger Mann mehrere Menschen auf der berühmten London Bridge. Ein Mann und eine Frau wurden dabei getötet, zwölf weitere Menschen verletzt. Der Angreifer, ein verurteilter und frühzeitig aus der Haft entlassener Terrorist, wurde noch auf der Brücke durch die Polizei erschossen. Bevor die Polizei den Mann erschiessen konnte, schafften es mehrere Passanten diesen zu überwältigen. 

 

Dieses mutige und entschlossene Handeln wurde allgemein als lobenswert und heroisch gefeiert. So rühmte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan das Eingreifen mit folgenden Worte: "Was bemerkenswert ist an den Bildern, die wir gesehen haben, ist die atemberaubende Heldenhaftigkeit von Passanten, die buchstäblich der Gefahr entgegengerannt sind!"

 

Wie sich kurz darauf herausstellte, war einer der Helden der verurteilter Mörder James auf Freigang. Der 43-jährige ehemalige Fabrikarbeiter und Ringer hatte im Jahr 2003 eine 21-jährige, geistig behinderte Frau zuerst erwürgt und danach mit einem Messer die Kehle aufgeschlitzt. Dafür wurde James zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. 

 

Die Familie der vor 15 Jahren ermordeten jungen Frau zeigte sich schockiert über die Tatsache, dass James frei in London unterwegs war und nun noch als Held gefeiert wurde. Für sie ist klar, James ist und bleibt ein kaltblütiger Mörder, der für immer weggesperrt werden sollte.

 

Was macht uns zu Helden oder Verbrechern? Ist es unsere genetische Veranlagung oder ist es die Situation, der Moment, welcher uns dazu macht? Sind wir gut oder böse geboren, oder ist es das Schicksal und der Zufall, die das Gute und Böse in uns zum Vorschein bringen?

 

Nehmen wir das Beispiel von Pauline, der ehemaligen Sozialarbeiterin und Familienministerin von Ruanda. Pauline galt als engagierte Kämpferin für die Rechte der Frauen, sie war allseits beliebt und galt als eine Art Hoffnungsträgerin im afrikanischen Land. Im April 1994 wurde sie durch die Regierung als "Sonderbeauftragte" in ihren Heimatort geschickt. Dort gingen Angehörige der Hutu- bereits massiv gegen die Tutsi vor. Der bekannten und beliebten Pauline fiel es einfach, die ansässigen Tutsi zu überzeugen sich zu ihrem Schutz in das örtliche Fussballstadion zu begeben. Dort erwartete die Menschen aber alles andere als Schutz. Pauline befahl den Hutu Schergen im Stadion nämlich die Tötung der hilflosen Tutsi. Mit Maschinengewehren, Handgranaten und Macheten wurden die Männer niedergemetzelt. Frauen, so verfügte die Vorzeigepolitikerin, sollten lebendig verbrannt werden, aber erst nachdem sie vergewaltigt wurden. 

 

Wie kommt es, dass Menschen wie Pauline plötzlich zu Bestien werden? Wieso machten normale Ärzte schreckliche medizinische Experimente mit Gefangenen im Gulag und in Konzentrationslagern? Wie wurden aus braven Familienväter und -mütter folternde KZ-Aufseher? Wieso werden aus unbescholtene Menschen Kriegsverbrecher? Sind dies alles einfach ganz böse und schlechte Menschen oder hatten sie einfach das Pech im falschen Moment am falschen Ort zu sein?

 

Der Psychologe Philip Zimbardo ist der bekannteste Forscher auf diesem Gebiet. In seinem im Jahre 2007 veröffentlichten Buch "Der Luzifer Effekt" sucht der Amerikaner nach Gründen dafür, was Menschen dazu bringt Böses zu tun und wie normale Frauen und Männer dazu verleitet werden unmoralisch zu handeln.

 

Sehr ausführlich beschreibt er dabei sein eigenes weltberühmtes Gefängnis-Experiment aus dem Jahre 1971 an der Universität im kalifornischen Stanford. Eine Gruppe von 24 Freiwilligen, meist Studenten aus gutem Hause, wurden zufällig in Wärter und Gefangene eingeteilt. Während zwei Wochen sollten sie in einem improvisierten Gefängnis im Keller der Universität ihre Rollen wahrnehmen. Nach fünf Tagen entgleiste die Situation und Zimbardo brach das Experiment ab. Die Studenten in den Wächterrollen liessen sich innert kürzester Zeit zu erniedrigendem Verhalten hinreissen. Auch die Gefangenen zeigten plötzlich Verhaltensweisen, die sie von sich nie erwartete hätten.

 

Neben seinem Experiment schildert Zimbardo in seinem Buch zahlreiche Geschehnisse aus der realen Welt. Er hat mit zahlreichen Opfern aber auch mit Tätern gesprochen. So hat der Psychologe Hutu-Kämpfer, die ihre Nachbarn erschlagen habe, und Mitglieder von lateinamerikanischer Todesschwadronen interviewt und deren Aussagen ausgewertet. Besonders intensiv beschäftigt sich Zimbardo auch mit den Geschehnissen im irakischen Gefängnis "Abu Ghraib". Die weitverbreitete Meinung, wonach es sich bei den fehlbaren Soldaten um eine Handvoll "fauler Äpfel" handelte, wird durch Zimbardo mehr als relativiert. 

 

Zimbardo kommt zum Schluss, dass in uns allen ein potentieller Gewalttäter, eine potentielle Bestie steckt. Diese Bestie wird durch die Situation in der wir uns befinden zum Leben erweckt. Der Psychologe fordert den Leser bereits zu Beginn des Buches auf, sich ständig zu fragen, was würde ich in den geschilderten Situationen tun. Was würden wir tun, wenn wir durch den Staat, durch Vorgesetzte oder andere übergeordnete Autoritäten dazu aufgefordert und motiviert würden unmoralisch zu handeln? Was würden wir tun, wenn die Mehrheit der Gruppe, der wir angehören dieses Handeln auch willig ausführt? Es ist einfach, aus der warmen Stube heraus das Verhalten der rund 20-jährigen Soldaten in Abu Ghraib zu verurteilen, wissen wir aber mit Sicherheit, wie wir in diesem Alter unter den gleichen Umständen reagiert hätten? Es ist einfach, die Handlungen der Menschen in vergangenen Zeiten als unmoralisch zu verurteilen, wenn man selber nicht in dieser Zeit und unter den damaligen Umständen gelebt hat. 

 

Zimbardo's Thesen sind nicht unumstritten. Nichtsdestotrotz regen sie uns zum Denken an und hoffentlich auch dazu, dass wir Menschen nicht zu schnell verurteilen. Bevor wir nämlich über andere richten, sollten wir dessen Schuhe anziehen und uns in sein Leben versetzen, und noch viel wichtiger: statt andere Menschen zu beurteilen und zu bewerten, sollten wir dies vor allem mit uns selber tun. Mit uns dürfen und sollten wir immer wieder hart ins Gericht gehen. Wir werden nicht besser, wenn wir anderen ihre Fehler vorhalten, sondern, wenn wir primär versuchen unsere eigenen Schwächen und Fehler zu korrigieren. Wir werden genauso wenig zu besseren Menschen, wenn wir zeigen wie schlecht andere sind, wie wir auch nicht zu Heiligen werden, wenn wir lautstark die Sünden anderer verurteilen.

 

In diesem Sinne empfehle ich Euch, dass Buch von Zimbardo zu lesen. Meines Erachtens ein Muss für alle Frauen und Männer mit Funktionen, die es ihnen erlauben Macht über andere Menschen ausüben zu können. 

 

Der Psychologe hat übrigens auch noch eine gute Botschaft: Nicht nur steckt in uns allen eine Bestie, sondern auch ein Held. So wie unmoralisches Verhalten, wird auch heldenhaftes Handeln nämlich durch die Situation beeinflusst. Der Mörder James hätte am 29. November nicht zum vermeintlichen Helden werden können, wäre er zu diesem Zeitpunkt nicht auf der London Bridge gewesen. Seien wir uns der Bestie und des Helden in uns bewusst und machen so den ersten Schritt dazu, dass wir die Bestie unterdrücken und den Helden in der richtigen Situation erwecken können.

 

 

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