9 Leadership Lehren des Löwen vom Pandschirtal


Ich möchte Euch eine unglaubliche Person vorstellen, eine Person, die bereits zu Lebzeiten zur Legende wurde. Eine Person, die unter schwierigsten Umständen die Führungsrolle wahrgenommen hat, tapfer gekämpft hat, aber gleichzeitig immer menschlich, grossmütig und bescheiden gehandelt hat. Ein Mensch der Brücken gebaut hat, eine Vision hatte und bereit war sein Leben zu geben, für eine Sache, an die er glaubte. Es handelt sich um einen Typus Mensch, der auch unter den ganz grossen Persönlichkeiten der Geschichte noch eine Lichtgestalt ist.



Nach dem meines Erachtens ungeschickt vollzogenen Abzug der Amerikaner aus Afghanistan und der erneuten Machtübernahme durch die Taliban erscheint die Gefahr gross, dass für die Menschen im Land eine dunkle Zeit unter einer unmenschlichen Schreckensherrschaft beginnt.


Ein Funke Hoffnung verspürte ich aber, als ich am 18. August in der Washington Post gelesen habe, dass sich im Pandschir-Tal der Widerstand gegen die Taliban formiert.


Geschrieben wurde die Kolumne von Ahmad Massoud, dem Sohn des legendären gleichnamigen Führers der Nord-Allianz, dem «Löwen des Pandschir Tal».


Der 32jährige Massoud Junior, der an der englischen Militärakademie Sandhurst ausgebildet wurde und am King’s College London und der City University London studiert hat, ist bereit in die Fussstapfen seines Vaters zu treten.


Wenn er nur annähernd die Persönlichkeits- und Charaktermerkmale mit seinem am 9. September 2001 ermordeten Vater teilt, dann besteht meines Erachtens die Chance, dass er die Vision seines Vaters zu Ende bringt.


Die Vision eines friedfertigen, vereinten und toleranten Afghanistans.

Am 2. September wäre der Löwe vom Pandschir Tal 68 Jahre alt geworden. Am 9. September jährt sich die Ermordung des charismatischen Massoud durch Taliban-Terroristen zum 20. Mal.


Massoud führte den erfolgreichen anti-kommunistischen Widerstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht von 1979 bis 1989. In der Folge kämpfte er als bedeutendster Anführer gegen die Taliban.


Massoud war aber viel mehr als ein militärisch geschickt agierender Kommandant. Das allein hätte auch nicht gereicht, die Menschen unter den damaligen unglaublich widrigen und harschen Umständen erfolgreich zu motivieren und zu führen.


Seine Art und Weise sollte nicht nur militärischen Führern und PolitikerInnen als Vorbild dienen, sondern allen Menschen, die in irgendeiner Form eine Führungsaufgabe wahrnehmen.


Folgend nun neun Facetten von von Massoud’s Leadership Stil.


Fast alle Beispiele habe ich aus dem Buch «Massoud – An intimate Portrait oft he legendary Afghan Leader» der Argentinierin Marcela Grad. Während vier Jahren hat Grad zahlreiche Menschen, die Massoud gekannt, ihn begleitet, mit ihm gekämpft oder sonst wie gearbeitet haben, interviewt. Veröffentlicht wurde das Buch im Jahre 2009.


1. Vielseitigkeit


Der Vater von Massoud war ein hochrangiger Offizier in der Armee. Er legte grossen Wert auf die schulische Bildung seiner fünf Töchter und seines einzigen Sohnes. In ihrem Haus gab es eine grosse Bibliothek. Der Vater motivierte seine Kinder zum Lesen. Vor allem auch zum Lesen von Poesie. Während der Vater vor allem die akademische Bildung förderte, war die Mutter der Ansicht, dass die schulische Bildung allein nicht genügt.


Als der Vater seine Kinder für die guten Zeugnisse beschenken wollte, intervenierte die Mutter. Der Vater fragte seine Frau: «Was hast Du dagegen? Unsere Kinder gehen zur Schule und haben gute Noten»


Die Mutter, welche gemäss den Aussagen der Kinder die Chefin der Familie war, erwiderte: «Sind unsere Kinder in der Lage zu reiten? Können sie mit Waffen schiessen, sind sie fähig vor Menschen zu sprechen, können sie in die Moschee gehen und etwas relevantes sagen?»


Der Vater fragte: «Was ist der Nutzen all dieser Dinge?»


Die Mutter antwortete: «Diese Dinge sind wichtig für die Menschheit. Ihr Charakter sollte auf diesen Dingen aufgebaut sein. Bildung ist nicht genug.»


Massoud war eine unglaublich vielseitige Persönlichkeit.


Der Ingenieur interessierte sich für Militärgeschichte, internationale Politik, Literatur, Philosophie, Religion und Poesie. Er war aber auch ein geschickter Reiter, ein geübter Schütze und ein harter Kämpfer.


Seine Vielseitigkeit erlaubte es ihm mit allen Menschen, von Kindern, über einfache Bauern hin zu Staatsoberhäuptern und Intellektuellen auf Augenhöhe in Verbindung zu treten.



2. Wissensdurst


Massoud verfügte über einen grossen Wissensdurst. Er war stets interessiert an der Meinung anderer Menschen, egal ob es sich um Kommandanten, Philosophen, Journalisten, Bauern oder einfache Soldaten handelte.


Sogar in den unwegsamsten Gebieten, in den Bergen oder in den Höhlen, wo sich die Widerstandskämpfer aufhielten, hatte Massoud immer Lesestoff dabei.


Der berühmte amerikanische Journalist Edward Girardet sagte über Massoud:


«Er war ein sehr guter Kommandant, und er las - er kannte sich aus. Einmal brachte ich Massoud ein Buch eines Schweizer Kommandanten über den Guerillakrieg («Der Totale Widerstand» von Major von Dach), und er bat mich, ihm weitere Bücher zu bringen. Ich brachte ihm Bücher über die amerikanische Revolution und wie die amerikanischen Soldaten ihren Guerillakrieg gegen die Briten führten. Es war ihm egal, ob etwas auf Englisch, Französisch oder einer anderen Sprache war. Er versuchte, es zu lesen oder bat jemanden, es zu übersetzen. Er hatte einen unglaublichen Wissensdurst.»


3. Der Zuhörer


Massoud war ein hervorragender Zuhörer. Er hatte begriffen, dass ein grundlegendes Bedürfnis aller Menschen es ist, verstanden zu werden. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen und die Menschen zu verstehen, gibt es einen einzigen Weg: Ihnen zuzuhören.


Sher Dil Qaderi, der an der Seite von Massoud kämpfte und bis vor Kurzem eine Logistikfirma und ein Kaffee in Kabul besass, sagte: «Wenn man ein Problem hatte, zu Hause oder sonst wo, ging man zu Massoud, und er hörte immer zu. Ganz gleich, ob es sich um ein Kind oder einen hundertjährigen Mann handelte, wenn man zu ihm kam, hörte er zu. Er hat nie gesagt: "Ich bin der Chef, und das ist dein Problem".


Er nahm sich so viel Zeit, wie man brauchte, und wenn man eine Anregung hatte, hörte er sich auch das an.


4. Fürsorge


Einmal nach einem viertägigen Kampf erreichten Massoud und seine vierzig Gefährten ein kleines Bergdorf. Die Widerstandskämpfer fanden Unterkunft in einem Haus. Der Besitzer brachte ihnen vier grosse Schüsseln mit Maulbeeren. Massoud offerierte er etwas Brot und Milch. Massoud lehnte das Angebot dankend ab.


«Behalte das Brot und die Milch für dich. Ich esse Maulbeeren.»


Seine Mitstreiter forderten ihn auf, die Milch und das Brot doch zu nehmen.


«Wenn ihr kein Brot essen und keine Milch trinken könnt, wieso sollte ich es dann tun. Wir sitzen alle im gleichen Boot und sind alle auf dem gleichen Level.»


Ein anderer Widerstandskämpfer erzählte, wie sie einmal gezwungen waren auf einem über 4'000 Meter hohen Berg zu übernachten. Es war extrem kalt und aus Angst entdeckt zu werden, konnten sie kein Feuer machen.


Massoud blieb die ganze Nacht auf und ging von einem Mann zum anderen. Er legte dann jeweils einen Moment den Arm um die Männer, um sie ein wenig zu wärmen.


Ein ehemaliger Kämpfer berichtet: «Als ich mich den Mudschaheddin im Pandschir-Tal anschloss, war ich mit einer Gruppe von dreizehn Mudschaheddin in einem Haus untergebracht. Wir erhielten ein Abendessen. Als wir fertig waren, vergewisserte sich Massoud, dass alle satt waren, und dann machten wir uns bereit, zu schlafen.


Massoud hatte ein Zimmer in demselben Gebäude. Es war kalt, vielleicht im Dezember oder Januar, und um zehn oder elf, als wir schliefen, kam Massoud vorbei, um sich zu vergewissern, dass alle Decken und genügend Kleidung hatten, um die Nacht warm zu überstehen.


Ich habe noch nie einen Kommandanten gesehen, der sich so um seine Leute gekümmert hat.


Eine weiter Anekdote erzählt wiederum Sher Dil Qaderi: «Ein Besucher kam aus Pakistan und brachte Massoud ein Paar Schuhe als Geschenk. Massoud nahm das Präsent und sah sich um. Da war einer der Mudschahedin, der neue Schuhe brauchte, und Massoud reichte sie ihm. Wir konnte sehen, dass Massouds Zehen aus seinen eigenen Schuhen ragten. Wir fragten Massoud: "Warum hast du diese Schuhe verschenkt, wenn du selbst neue brauchst?"

Er sagte: "Ein anderer Besucher wird mir Schuhe bringen, weil ich der Kommandant bin. Sie bringen mir immer etwas mit. Ich finde Schuhe, aber dieser Mann nicht."


Viele Leute brachten Massoud Geschenke, und er gab die meisten davon an die Menschen in seinem Umfeld weiter. Er wollte sicherstellen, dass sie die Dinge hatten, die sie brauchten: genug Essen, genug Kleidung.»


5. Kontrolle der Emotionen


Gemäss den Aussagen von Weggefährten, war Massouds Geduld unendlich. Seine Frau Sediqua schrieb in ihrem Buch «Pour l’amour de Massoud»: «ich hörte ihn nie seine Stimme erheben».


Massoud tat nie etwas aus Aggression oder Frustration heraus, sondern war geduldig und handelte mit logischem Verstand und immer auf der Grundlage einer durchdachten Situationsanlyse. Er behielt auch im schlimmsten Kriegstreiben in den grössten Wirren und unter den widrigsten Umständen stets die Ruhe. Und es gelang ihm, diese Ruhe auf seine Truppen zu übertragen.


«Wenn Massouds Truppen von einer erfolgreichen Operation zurückkehrten, gab es keinen Tanz, keine Freudenszenen, keinen Applaus. Es gab keinen Grund zum Feiern, denn sie hatten lediglich ihre Pflicht getan. So handelte die Truppe wie Masoud selber. Massoud war deshalb so erfolgreich, weil er es verstand, seinen Truppen etwas von sich selbst zu vermitteln», so Humayan Tandar.


6. Bedeutung der Ethik


Massoud bildete seine Truppen in Gefechtstechnik und Taktik aus. Er legte aber gleichzeitig grossen Wert auf ein ethisch korrektes Verhalten.


Daoud Zulali, der als Soldat und später als Kommandant unter Masoud gedient hatte, sagte dazu: «Er hatte absolutes Vertrauen in die Männer unter seinem Kommando. Stets arbeitete er mit ganzer Kraft daran, ihre Moral zu erhalten. Er unterrichtete seine Kämpfer mehr in Ethik und Anstand als in militärischen Dingen, und er war gütiger zu ihnen als ein Vater und näher als ein Bruder."


Ein neuer Kämpfer war überrascht, als er mitbekam, dass die Gefangenen Sowjetsoldaten mehr zu essen bekamen als die hungernden Mudschaheddin.


«Wenn Du Essen hast, ernähre immer zuerst die Gefangenen», soll Massoud gefordert haben.


Massoud erklärte, dass dies die Lebensweise der Mudschaheddin sei, denn das Ziel der Mudschaheddin sei nicht das Töten, sondern die Befreiung des Landes und der Menschen.


Viele dieser jungen gefangenen sowjetischen Soldaten wüssten nicht einmal, warum sie hier sind. Sie wurden einfach von der Sowjetunion und den kommunistischen Afghanen, hierhergeschickt. Aus diesem Grund, so Massoud, gilt es diese mit Respekt zu behandeln.


Einmal kamen Massoud und seine Krieger in einem Dorf an. Ein Kommandant der Mudschaheddin schlug in der Folge einen älteren Dorfbewohner, weil dieser ihm keinen Platz in seinem Haus geben wollte.


Als Massoud davon erfuhr, wollte er vom alten Mann wissen, was passiert war. Der Mann weinte und sagte, dass er von einem höheren Mudschaheddin geschlagen worden war, weil er ihm keinen Platz in seinem Haus anbieten konnte, weil er bereits Gäste beherbergte.


Massoud wandte sich an den Kommandanten: «Dieser alte Mann weint; das kann ich nicht hinnehmen! Wie konnten Sie ihn schlagen? Für diese Menschen, die alten und die Kinder, riskiere ich mein Leben und das Leben meines Volkes, und sie gehen hin und schlagen diesen Mann! Als Teil meiner Einheit haben sie diesen Mann in meinem Namen geschlagen. Das ist nicht akzeptabel.»


Massoud entschuldigte sich beim Mann, zog auf und schlug den Kommandanten vor allen nieder. Danach war die Sache erledigt.


7. Keine Privilegien


Massoud war zwar der oberste Kommandant des afghanischen Widerstandes und zeichnete in dieser Funktion verantwortlich für die Ausbildung seiner Truppen und die militärischen Operationen. Selbst mass er sich aber die gleiche Bedeutung wie allen anderen Menschen zu. Er kochte und ass mit den anderen Kämpfern, er bestand darauf Wache zu schieben und bei Reinigungs- und Unterhaltsarbeiten mitzutun.


Als Massoud sich ein Haus baute, wollte er eine Mauer zwischen sich und dem Nachbarhaus errichten. Ein Baum, der auf dem Grundstück der Nachbarin stand, behinderte an einer Stelle den Bau der Mauer. Massoud besuchte die Nachbarin und fragte sie, ob er einige Äste des Baumes abhauen dürfte, so dass er die Mauer fertig errichten könnte. Die Frau gab ihm ein schlichtes «Nein» zur Antwort. Der legendäre Volksheld und Kommandant zog ab und lies an dieser Stelle seine Mauer unvollendet.


Ein weiteres sehr beeindruckendes Beispiel lieferte Massoud als das Pandschir-Tal von Taliban-Kämpfern umzingelt war und die Situation sich von Minute zu Minute verschlechterte.


Massoud, der über Helikopter verfügte, hatte die Möglichkeit gehabt, Afghanistan jederzeit in Richtung Ausland zu verlassen. Dies tat er aber auch in dieser fast aussichtslosen Situation nicht. Statt zu fliehen, schickte er seinen Helikopter nach Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, um seine Familie, die sich dort aufhielt, einzufliegen. Für Freund und Feind war dies ein extrem starkes Zeichen.


Massoud sagte zu seinen Leuten: «Eure Familien sitzen hier fest, jetzt sind auch meine Kinder und meine Frau hier. Wir werden unsere Lieben nicht verlieren. Wir werden nicht kapitulieren.»


Die Taliban waren völlig schockiert. Mit diesem Schachzug – Massoud hatte übrigens immer ein Schachspiel mit dabei – hatten sie nicht gerechnet. Für Massoud ging die Rechnung auf. Auch aus dieser fast ausweglosen Situation kamen die tapferen Mudschaheddin als Sieger hervor.


8. Respekt


Massoud achtete alles: Männer, Frauen, andere Religionen, andere Meinungen, Kinder, Senioren, Tiere und die Umwelt.


Während dem Krieg gegen die Sowjets begannen die Menschen Granaten zum Fischen zu nutzen. Warum? Weil die Menschen nicht mehr genug zu essen hatten und diese Art des Fischens viel effizienter war als mit Rute oder Netz.


Massoud verbot diese Vorgehensweise und drohte all jenen, die sich nicht daranhielten mit einer saftigen Geldstrafe und mit bis zu einem Monat Gefängnis. «Das hat nichts mit fischen zu tun, das ist ein reines Massaker», begründete Massoud den Entscheid.


Für Massoud hatte jedes einzelne Wesen einen Platz unter den Sternen und eine Würde in den Augen Gottes. Diese Haltung beeinflusste all seine Entscheide auch jene auf dem Schlachtfeld.


Einmal beobachtet Massoud wie ein Hirte mit seinen Lämmern den Berg hinunterkam. Dies war ungewöhnlich, weil zu dieser Jahreszeit, die Hirten mit ihren Tieren in die Höhe gingen. Massoud hielt seinen Geländewagen an und fragte den Hirten was los sei. Er habe sein Ausweispapier vergessen und der Checkpoint der Mudschaheddin weiter oben, wollte ihn nicht durchlassen. Nun gehe er zurück ins Dorf um seinen Ausweis zu holen.


Massoud sagte zum Mann, er solle die Lämmer hierlassen, es wäre sonst eine unnötige Qual für die Tiere, wenn diese den recht langen Weg zweimal zurücklegen müssten. Die Lämmer können ja nichts dafür, dass er das Papier vergessen habe. Massoud gab einem Kämpfer der Auftrag für die Herde zu schauen, bis der Hirte wieder zurück war.


Zu einem jungen Mudschaheddin soll Massoud einmal gesagt haben: «Wir sollten Menschen immer gut behandeln, denn wenn wir sie beleidigen, kann eine Entschuldigung das nicht wieder gutmachen.»


9. Toleranz


Richard MacKenzie, der berühmte Kriegsberichterstatter und Filmemacher, berichtet über bis in die frühen Morgenstunden dauernde Gespräche über Religion, Philosophie und Spiritualität mit Massoud.


Massoud, so MacKenzie, verstand auch die Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen. Wer dem Islam folge, sollte Christen und Juden nicht nur anerkennen, sondern sich auch mit ihnen anfreunden, sei Massoud überzeugt gewesen. Massoud verstand, was viele nicht wussten, dass wir eigentlich denselben Gott anerkennen, und dass wir schlussendlich dieselben universellen moralischen Werte haben, so MacKenzie


Massoud’s Sohn schreibt dazu: «Er hat die Menschen nicht nach ethnischer Zugehörigkeit, Nationalität, Religion oder ähnlichem klassifiziert. Obwohl er ein gläubiger Muslim war, stellte er alle Menschen auf die gleiche Stufe. Ich fragte ihn einmal: "Du bist gläubig; was glaubst du, was mit den Nicht-Muslimen geschieht? Was ist der endgültige Ort, an den sie nach dieser Welt kommen?"


Viele Muslime glauben, dass die Muslime gerettet werden, die Nicht-Muslime hingegen nicht. Ich wollte nur wissen, was er denkt. Er sagte: "Nein, das ist nicht der Fall. Es kommt lediglich darauf an, ob jemand ein guter Mensch ist, egal, welche Religion er hat."


Er sagte, es gebe viele Teufel unter den Muslimen und viele gute Menschen, die Nicht-Muslime seien. "Man kann nicht sagen, dass Gott die Muslime segnen wird und die anderen nicht. Es kommt vielmehr darauf an, was für ein Mensch man ist». Er hatte eine sehr starke Meinung zu diesem Thema, so sein Sohn.


Massoud war stets darum bemüht in seinem Einflussbereich Schulen für Mädchen und Buben zu unterhalten. Auch setze er im April 1992 nach der Eroberung von Kabul eine Frau an die Spitze der Medizinischen Fakultät.


In einem Interview im Dokumentarfilm «into the forbidden Zone» von National Geographic, sagt Massoud um die Jahrtausendwende: «Wir sind der Überzeugung und glauben, dass sowohl Männer als auch Frauen vom Allmächtigen geschaffen wurden. Beide sind menschliche Wesen, beide haben die gleichen Rechte. Frauen können eine Ausbildung machen, Frauen können eine Karriere verfolgen, und Frauen können eine Rolle in der Gesellschaft spielen - genau wie Männer. Das war unsere Überzeugung, und das ist auch weiterhin unsere Überzeugung. In der Zukunft Afghanistans, wenn es der Wille Gottes ist, dass die Taliban gestürzt werden und eine gemässigte Regierung an die Macht kommt, werden Frauen zweifellos respektiert und hoch geschätzt werden.»


Es ist meine Überzeugung, dass Massoud eine aussergewöhnliche Lichtgestalt in der Geschichte der Menschheit ist. Es sind solche Gestalten, welche den Glauben an das Gute im Menschen am Leben erhalten.


In einem amerikanischen Zeitungsartikel hat irgendein Journalist Massoud mit Che Guevara verglichen. Dieser Vergleich ist völlig abstrus und absurd. Che Guevara war hasserfüllt und intolerant. Massoud war das Gegenteil


Es sind Menschen wie Massoud, die eine Vision haben und ihr Tun auf das Erreichen dieser Vision ausrichten, welche die Menschheit weiterbringen.


Es sind nicht narzisstische egomanischen Politikerinnen und Politiker oder selbstgerechte und ebenso narzisstische, nach Aufmerksamkeit schreiende Social Justice Warrior, welche die Welt zu einer besseren machen werden.


Ich hoffe, dass der Geist von Massoud durch seinen Sohn weiterlebt und dieser Geist die Menschen in Afghanistan mit dem notwendigen Freiheitswillen beseelt.


Wer weiss, was am 9. September, am 20. Todestag des «Löwen vom Pandschir-Tal» passieren wird. Vielleicht erweckt dieses wichtige Datum in Afghanistan den Willen der Frauen und Männer zur Niederschlagung der Taliban.

Und wer weiss, vielleicht sind ja die regulären afghanischen Truppen nicht alle vor den Taliban geflüchtet, sondern haben sich ins Pandschir-Tal zurückgezogen, um von dort aus die Befreiung zu starten. Wer weiss?


In seinem Kommentar in der Washington Post schreibt der Sohn des legendären Massoud:


«1998, als ich 9 Jahre alt war, versammelte mein Vater, der Mudschahedin-Kommandeur Ahmad Shah Massoud, seine Soldaten in einer Höhle im nordafghanischen Pandschir-Tal. Sie sassen da und hörten zu, als der Freund meines Vaters, der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy, zu ihnen sprach. "Wenn ihr für eure Freiheit kämpft", sagte Lévy, "dann kämpft ihr auch für unsere Freiheit".


So ist es, wer irgendwo auf der Erde gegen die Unterdrückung und für die Freiheit kämpft, kämpft für die Freiheit der ganzen Menschheit.


Was meint ihr zur Situation in Afghanistan? Kennt Ihr andere solche Führungspersönlichkeiten wie Massoud.


Lasst es mich wissen? Schreibt mir auf derstoischepirat@gmail.com oder hinterlasst einen Kommentar.


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Herzlichen dank an jene die das bereits gemacht haben!!






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