Kleine Übung für ein bewussteres und zufriedeneres Leben

August 21, 2017

 „I bi ufgstande hüt u i ha no nüd rechts da, wie cha i de am obe öbis z’verzelle ha?“ fragt sich der kürzlich verstorbene Schweizer Sänger Polo Hofer in seinem 1977 zusammen mit seiner damaligen Band „Rumpelstilz“ veröffentlichten Song „Rote Wy“. Ist es nicht extrem frustrierend, wenn ich eine Bilanz ziehe, ich zurückschaue und zum Schluss komme, dass ich in der letzten Stunde, am letzten Tag, in der letzten Woche, im letzten Semester, in den letzten Ferien, in der letzten Dekade oder gar in meinem bisherigen Leben gar nichts „Rechtes“ getan habe?

 

Zum Glück, so ist man versucht zu sagen, stellen sich viele Menschen die Frage, ob sie die vergangene Zeit sinnvoll, gewinnbringend, zufriedenstellend oder sonst in irgendeiner Weise erfüllend genutzt haben, gar nicht. Sie vermeiden dadurch das Gefühl der Enttäuschung, welches die Folge einer ernüchternden Antwort wäre. Das Problem aber ist, dass wir uns der Frage, ob wir unsere Zeit bisher sinnvoll genutzt haben, nicht für immer verschliessen können. Irgendeinmal kommt für jeden der Moment, wo er seine Existenz bzw. sein Tun in Frage stellt.

 

 

 

Je länger ich damit zuwarte, mein bisheriges Handeln zu hinterfragen, desto brutaler wird die Bilanz ausfallen. In ihrem Buch „The Top Five Regrets of the Dying“ beschreibt die australische Palliativpflegerin Bonnie Ware, wie sich die Sterbenden kurz vor dem Ableben selber massive Vorwürfe machen. Die letzten Stunden sind nicht selten begleitet von Reue und Ärger. Ärger darüber, dass man nicht das Leben gelebt hat, das man sich gewünscht hat. Reue darüber, dass man nicht der Mensch gewesen ist, den man hätte sein wollen.

 

Auf der anderen Seite gibt es auch Menschen, die zufrieden die Welt verlassen. Damit auch wir das tun können, sollten wir uns kontinuierlich in Selbstreflexion üben, uns immer wieder hinterfragen und regelmässig eine kritische und ehrliche Bilanz ziehen. Schlussendlich ist dies die einzige Möglichkeit, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, damit wir künftig unsere Zeit zufriedenstellender Nutzen können. Gleichzeitig hilft uns die gewollte Reflektion über das Vergangene dabei, dass wir uns auch der positiven, teilweise eher kleinen Dinge stärker Bewusst werden.  Dies wiederum führt zu einem stärkeren Gefühl der Dankbarkeit, was schlussendkich zu einer erhöhten Zufriedenheit führt.

 

Der bekannte amerikanische Psychologe Martin Seligman veröffentlichte im Jahre 2005 zusammen mit weiteren Autoren eine Studie, in welcher sie aufzeigen konnten, dass das tägliche Aufschreiben von drei positiven Erlebnissen zu einer erhöhten Zufriedenheit bei den Menschen führt. Die Studie wurde zehn Jahre später in Japan repliziert. Auch dort konnte dieser Effekt, wenn auch nicht in gleichem Ausmasse, nachgewiesen werden.

 

Seit Beginn des Jahres machen wir diese Übung auch innerhalb der Familie. Ob wir nun glücklicher sind als vorher, kann ich nicht sagen. Hingegen haben wir den Effekt festgestellt, dass man sein Tageswerk bewusster angeht, wenn man am Abend die Bilanz zieht.

 

Spannend ist, dass unsere drei Kinder (12, 10 und 8 Jahre alt) diese tägliche Übung mit grossem Eifer und Ernsthaftigkeit machen. Noch nie, auch unter erschwerten Umständen nicht, haben wir darauf verzichtet, die drei guten Dinge aufzuschreiben. Zudem sind die Kinder darum bedacht, wirklich mindestens drei positive Sachen pro Tag nenne zu können. So kann es vorkommen, dass eines unserer Kinder plötzlich freiwillig etwas für die Schule vorbereitet, in einem Buch liest, das Mobiltelefon weglegt um eine Zeichnung zu machen, sich einer sportlichen Tätigkeit widmet oder im Haushalt hilft. Wenn man sie dann fragt, wieso sie dies nun tun, dann weisen sie daraufhin, dass sie noch keine drei guten Dinge haben. Ein weiterer positiver Effekt des gemeinsamen Rekapitulierens des Tages ist, dass man eben zusammen Erlebnisse teilt, man spricht miteinander, hört einander zu. Dies wiederum hat einen Einfluss auf den Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft. Ich fühle mich einer Gemeinschaft viel stärker verbunden, wenn sich deren Mitglieder für mich interessieren, statt sich mir gegenüber gleichgültig zu zeigen.

 

Wie erwähnt, das tägliche aufschreiben von drei guten Dingen hat auch bei den erwachsenen Menschen einen positiven Einfluss auf die empfundene Zufriedenheit. Versuchen Sie es einmal aus! Sie brauchen dazu rund 10 Minuten pro Tag.

 

Wie es funktioniert:

Organisieren Sie sich ein kleines Büchlein, in welches Sie während mindestens zehn Tagen aufschreiben, welche drei positiven Dinge Sie in den letzten 24 Stunden erlebt haben. Es können sowohl kleine (zB: „Ein Mitarbeiter hat mir ein Stück Kuchen offeriert“), wie auch grosse Dinge („ich habe eine Arbeit gefunden“) sein.

 

Beim Aufschreiben gehen Sie wie folgt vor:

  1. Geben Sie der Sache einen Titel.

  2. Versuchen Sie die Sache knapp aber klar zu formulieren.

  3. Versuchen Sie zu erklären, was diese positive Sache verursacht hat („Wieso hat der Mitarbeiter mir ein Stück Kuchen mitgebracht? – Weil ich ihm letzthin einmal geholfen habe.“ „Wieso habe ich beim Spiel ein Tor geschossen? -  weil ich mein Training intensiviert habe.“ „Wieso habe ich heute etwas Neues gelernt? – Weil ich mir die Zeit genommen habe etwas zu lesen.“ etc).

 

Sie werden sehen, dass Sie dank dieser kleinen Übung nicht mehr in die Lage kommen, dass Sie sich darüber ärgern müssen, dass Sie am Morgen aufgestanden sind und bis zum Abend nicht „Rechtes“ getan haben und somit nichts zu erzählen haben werden.  Und genau das macht doch ein erfülltes Leben aus, Je mehr tolle, positive Geschichten ich erzählen kann, desto mehr habe ich meine Zeit ausgekostet. Wenn ich aber lediglich Online-Games spiele, Fernsehsendungen über irgendwelche Prominente anschaue oder bis am Mittag im Bett bleibe, dann habe ich nichts erlebt und auch nichts zu erzählen.

 

Machen Sie die kleine Übung mit den „drei guten Dingen“! Es würde mich freuen, wenn Sie mir zB nach zehn Tagen ein kleines Feedback dazugeben, wie sie die Übung erlebt haben!

 

 

 

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