Mit einem linken Haken begann der Niedergang des Nazireichs

June 22, 2020

 

Der Umgang mit dem heutigen Rassismus ist in aller Munde. Gut so. Noch viel besser wäre es, wenn auch die Lehren der Geschichte, wie jene von Boxer Joe Louis, einfliessen würden. Der "Brown Bomber" trug als Schwarzer entscheidend zur Bürgerrechtsbewegung bei. Nicht mit einem Stein in der Hand, sondern mit Boxhandschuhen und einem tadellosen Charakter. Sein linker Haken veränderte am 22. Juni 1938 die Welt.

 

Sport war für die Nationalsozialisten ein integraler Bestandteil der Beweisführung für die Überlegenheit der arischen Rasse gegenüber Juden, Schwarzen, Zigeunern sowie für die Dominanz Deutschlands und des Nationalsozialismus gegenüber der übrigen Welt und der Demokratie. In diesem Sinne war 1936 ein gutes Jahr für die Nationalsozialisten.

 

Bei den heimischen olympischen Spielen holten die Deutschen im August von allen teilnehmenden Ländern am meisten Medaillen. Doch bereits einige Wochen zuvor konnte Hitler einen anderen Triumph feiern. Völlig überraschend gewann nämlich der deutsche Max Schmeling am 18. Juni im Yankee-Stadion vor 45'000 Zuschauern gegen den in bisher 24 Kämpfen ungeschlagenen Afroamerikaner Joe Louis.

 

Für die schwarze amerikanische Bevölkerung brach an diesem Tag eine Welt zusammen. Joe Louis war ihre Hoffnung im rassistischen Amerika. Ein bescheidener, sympathischer, hart arbeitender Junge aus Alabama. Der erste Schwarze, der, rund zwanzig Jahre nach Jack Johnson, Chancen hatte, den Weltmeistertitel im Schwergewicht zu erobern. Eben noch hiess es in den USA, dass Joe Louis als einziger Schwarzer einen weissen Mann ungestraft schlagen dürfte, nun wurde er durch Max Schmeling in der 12. Runde auf die Bretter geschickt. Die berühmte Sängerin und Bürgerrechtlerin Lena Horne, welche an diesem Abend mit ihrer Band in Cincinnati ein Konzert gab, erzählte, dass sie und ihre Musiker am Boden zerstört waren: „Ich wurde fast hysterisch und einige der Bandmitglieder fingen während dem Konzert an zu weinen.“ Der zum Helden stilisierten Mann, der zum Hoffnungsträger der ganzen afroamerikanischen Bevölkerung aufgestiegen war, „wurde an diesem Abend zu einem weiteren Negro, der von einem weissen Mann geschlagen wird“, so Horne[1].

 

Hitler und sein Propagandaminister Goebbels hingegen jubilierten. Der Sieg Schmelings, der selber nie Mitglied der Nationalsozialisten war und einen jüdischen Manager hatte, wurde zur Galionsfigur der Nazi-Popaganda. Die Nationalsozialisten liessen generell keine Gelegenheit aus, die Erfolge der deutschen Sportler für sich zu nutzen. In den deutschen Medien wurde der Triumph Schmelings als eindeutiges Zeichen für die nordisch-germanische Überlegenheit dargestellt. „Schmelings Sieg war nicht nur Sport. Es war eine Frage des Prestiges und der Rasse“, schrieb das Naziblatt „Das Schwarze Korps“.

 

Joe Louis liess sich durch diese Niederlage nicht aus der Bahn werfen. Bereits sechzig Tage später trat er wieder in den Ring und besiegte Jack Sharkey mit einem KO in der dritten Runde. Mit sechs weiteren Siegen in Folge erkämpfte er sich das Recht auf den Titelkampf. Am 22. Juni 1937 war es dann soweit. Joe Louis erledigte den Titelhalter James Braddock in Chicago in der achten Runde und eroberte als erster Schwarzer seit 22 Jahren wieder den Weltmeistergürtel im Schwergewicht. Louis, der auch als „Brown Bomber“ bekannt war, hatte als Afroamerikaner Unglaubliches erreicht. Doch die Niederlage gegen Schmeling hatte Joe noch nicht verdaut. Die Revanche wurde auf den 22. Juni 1938 festgelegt.

 

1938 gab es keine Zweifel mehr in welche Richtung Hitlers Deutschland beabsichtigte zu marschieren. Die Verhaftungen politischer Gegner, die Durchsetzung und Verschärfung der Nürnberger Gesetze, die Wiederbesetzung des Rheinlandes, der Anschluss von Österreich, der Achsenpakt mit Italien und der offensichtliche Terror gegen Juden, waren eindeutige Beweise für Hitlers rassistische Ideologie und dessen imperialistische Absichten. Die westliche Welt ahnte Böses.

 

Im März 1938 dinierte Joe Louis beim US-Präsidenten Roosevelt. FDR soll dabei Louis’ Bizeps berührt und gesagt haben: „Wenn wir die Nazis schlagen wollen, dann brauchen wir solche Muskeln.“ Die Botschaft war klar: Wenn Joe Louis Schmeling besiegen kann, dann kann es die freie Welt auch mit dem nationalsozialistischen Terror aufnehmen.

 

Es brauchte keinen Marketingeffort um den Kampf zwischen Joe Louis und Schmeling so richtig anzuheizen. Der ganzen Welt war klar, dass es nicht nur ein Kampf um die Krone im Schwergewicht ist, nicht nur ein Kampf zwischen Louis und Schmeling, sondern ein Kampf zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen - "sie" gegen "uns", Roosevelt gegen Hitler, Faschismus gegen Demokratie, Unterdrückung gegen Freiheit. Auch für die Juden auf der ganzen Welt wurde Louis zum Hoffnungsträger. Erstmals, so das Gefühl der jüdischen Gemeinschaft, wurde den Nationalsozialisten die Stirn geboten.

 

Der Kampf war von epochaler Bedeutung, aber noch grösser war seine Bedeutung für

 die schwarze Bevölkerung Amerikas. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten trug ein schwarzer Mann die Hoffnungen aller Landsleute auf seinen Schultern. Zum ersten Mal, wenn auch nur für eine kurze Zeit, war der Rassismus in allen Bevölkerungsschichten der USA vergessen. Wie der Boxhistoriker Thomas Hauser in The Guardian schrieb: "[Dies] war das erste Mal, dass viele weisse Amerikaner offen für einen schwarzen Mann gegen einen weissen Gegner eintraten. Es war auch das erste Mal, dass viele Menschen hörten, wie ein schwarzer Mann einfach als 'der Amerikaner' bezeichnet wurde.“[2]

 

Amerika schien für den Kampf stehenzubleiben. Kurz vor 22.00 Uhr begann die Stimme von Clem McCarthy wie eine Decke über die Nation zu fallen. In den Wohnungen, Bars, Restaurants, Kinos, Baseballparks und anderen öffentlichen Orten drängten sich die Menschen zusammen und hingen am Radio. Die Strassen im ganzen Land, in den Städten und Dörfern waren leergefegt. Niemand getraute sich Lärm zu machen, um ja nicht die Stimme von Clem McCarthy zu übertönen.

Woody Guthrie, dessen Lieder das Gewissen der amerikanischen Depression waren, erinnerte sich daran, wie er an diesem Abend durch die engen Gassen und Strassen von Santa Fe, New Mexico, ging und die Übertragung des Kampfes aus allen Fenstern in die Nacht drang[3]. 

 

Aber nirgendwo hörten die Menschen wohl aufmerksamer zu als in den Schwarzen-Vierteln. Der im Jahre 2017 verstorbene Dick Gregory, Komiker, Bürgerrechtler und Kämpfer für Vegetarismus erinnerte sich daran, wie er den Kampf mit seiner Familie in St. Louis am Radio verfolgte. Fast siebzig Jahre später konnte er sich immer noch an die Stimmen des Ansagers erinnern: "Es gab einen Unterschied in den Stimmen der Ansager. An diesem Abend klang es, als ob sie ihn liebten. Es klang, als sei er für sie kein Nigger mehr. Joe war Amerikaner geworden.“[4]

 

In Archery, Georgia, war indessen der künftige Präsident, der dreizehnjährige Jimmy Carter, und wollte den Kampf unbedingt hören. Die Carters hatten keine Elektrizität, sodass Jimmys Vater, Earl, ein Radio an eine Autobatterie anschloss. Ein paar Dutzend Feldarbeiter kamen zum Zuhören vorbei, also stellte Earl den Apparat auf einen Fenstersims, und die Arbeiter setzen sich unter einen Maulbeerbaum[5].

 

Als Joe Louis in das mit 80'000 Menschen restlos besetzte Yankee-Stadion in New York trat und 100 Millionen Menschen am Radio hingen, lag er das ganze Gewicht seines Landes auf seinen breiten Schultern.

 

Beim Einmarsch von Max Schmeling kochte die Menge. Der Deutsche wurde beschimpft und mit Bananen, Zigaretten und Bechern beworfen. Die Polizei musste sich um den Ring stellen, um Schmeling zu schützen. In Deutschland wurde der Kampf trotz der Zeitverschiebung ebenfalls übertragen. Die Kinos waren mitten in der Nacht geöffnet worden, damit die Menschen dort die Radioübertragung des Kampfes hören konnten. Über 20 Millionen Deutsche sollen den Kampf live mitverfolgt haben.

 

Im Yankee-Stadion in New York wurde lediglich der Ring beleuchtet. Auch optisch sah es nun in der Dunkelheit so aus, als ob es im ganzen Universum nur noch einen Platz von Bedeutung gäbe. Kurz nach 22 Uhr leerte sich der Ring bis auf Schmeling, Louis und Ringrichter Arthur Donovan. Als der Gong ertönte, hielt das ganze Land den Atem an. Louis ging los, wie eine Lokomotive. Bereits nach wenigen Sekunden unterbrach Donovan nach einer Schlagserie von Louis das erste Mal den Kampf. Fünf linke Haken und ein Körperschlag sollen beim Deutschen vor Schmerz zu Tränen geführt haben[6]. In kurzer Folge schickte Louis den Deutschen noch dreimal auf die Bretter. In Deutschland hörten die Zuhörer den geschockten und offensichtlich panischen Sportreporter Arno Helmis schreien: „Steh auf Max! Steh auf Maaax! Steh auf Maaaaaaax!“[7] Beim dritten Niederschlag, nach gerade mal 2 Minuten und vier Sekunden, flog aus Schmelings Ecke das Handtuch.

 

Das Stadion und mit ihm explodierte ganz Amerika. Autor David Margolicks: „Die Menge im Stadion brach in Euphorie aus. Weisse und Schwarze lagen sich in der ArmenVon den jüdischen fans hagelte es wüste Schimpfworte gegen Schmeling. Die amerikanische Schauspielerin Tallulah Bankhead, die am Ring sass, schrie die Deutschen Schmeling-Fans hinter sich an: "Ich hab's euch doch gesagt, ihr Scheisskerle!"“[8]

 

Überall in Amerika versammelten sich die Menschen auf den Strassen. Es brach ein Freudentaumel aus, wie ihn das Land noch nie erlebt hatte. Besonders in den afroamerikanischen Quartieren gab es kein Halten mehr. Die berühmte Dichterin und Autorin Maja Angelou, die nach Louis’ Niederlage 1936 am Boden zerstört war, erinnerte sich an die grenzenlosen Emotionen: „Weltmeister! Ein schwarzer Junge! Der Bub einer schwarzen Mutter! Er war der stärkste Mann der Welt. Die Menschen tranken Coca-Cola wie Ambrosia und assen Süssigkeiten wie wenn Weihnachten wäre!“[9] Der „Braune Bomber“ war nicht mehr nur der „Schwarze Champion“ er war nun „Der amerikanische Champion“.

 

Millionen Menschen in den USA fluteten die Strassen und skandierten Joe Louis’ Name. Es wurde Musik gespielt, getanzt und gelacht. In Schweizer Zeitungen konnte man am 24. Juni lesen: „Louis wurde von einer enthusiastischen Menge in seine Kabine begleitet; die rund 20'000 Neger, die sich unter den Zuschauern befanden, blieben noch lange, nachdem die übrige Menge verschwunden war, im Stadion und ergingen sie sich immer wieder in Begeisterungsstürmen. Ähnlicher nicht enden wollender Jubel herrschte im New Yorker Negerviertel Harlem.“[10]

 

Ganz anders in Deutschland. Dort verstummte die Stimme von Kommentator Arno Helmis direkt nach dem Kampfende. Die Leitung war plötzlich tot. Hitler und Goebbels konnten sich nicht damit abfinden, dass ihr arischer Herrenmensch von einem Schwarzen demontiert wurde.

 

Am Tag nach dem Kampf konnte man in der Zeitung „New York World Telegram“ lesen: "In hundert Jahren wird irgendein Historiker, zumindest in einer Fussnote, festhalten, dass der Niedergang des Nazi-Reichs mit einem linken Haken eines ehemaligen ungelernten Automobilarbeiters begann...“

 

Joe Louis blieb noch bis 1948 Weltmeister. Insgesamt verteidigte er seinen Titel 25 Mal! In den 40er Jahren sah er es als seine Pflicht an, in der US Army zu dienen. Auch spendete er die Einnahmen von zwei WM Kämpfen zu Gunsten von Soldaten. Während seiner Zeit in der Armee erreichte er, dass die Segregation in den Streitkräften abgeschafft und der Zugang für afroamerikanische Soldaten zum Offizierslehrgang jenem der Weissen angepasst wurde. In den 50er Jahren widmet sich Louis dem Golfsport. Dank Louis wurde die PGA Tour 1961 endlich auch für Schwarze geöffnet[11].

 

Joe’s Aktionen ausserhalb des Rings spiegelten das wieder, was er im Ring tat, wo er stark und kraftvoll, aber immer würdevoll und respektvoll gegenüber seinen Gegnern auftrat. Louis war ein Mann der Tat. Auch wenn Louis nicht viel gesprochen und nie mit seinen Taten abgegeben hat, so hat er nicht nur persönlich sehr viel erreicht, er hat auch die Welt im positiven Sinne verändert.

 

 

Als Joe Louis im Jahre 1981 verstarb, ordnete sein Freund und damalige US Präsident Ronald Reagan an, dass Louis im Heldenfriedhof von Arlington beigesetzt wird. Zum Tod von Louis sagte Reagan:

 

„Ich hatte das Privileg und werde immer dankbar sein, Joe Louis als Freund gehabt zu haben.

 

Als Sohn eines Baumwollpflückers aus Alabama kämpfte sich Joe Louis an die Spitze des Profiboxens und in die Herzen von Millionen von Amerikanern. Ausserhalb des Rings war er ein rücksichtsvoller und sanftmütiger Mann, innerhalb des Rings schrieben sein Mut, seine Stärke und sein vollendetes Können ein einzigartiges und unvergessliches Kapitel der Sportgeschichte.

 

Aber Joe Louis war mehr als eine Sportlegende - seine Karriere war eine Anklage gegen rassistische Bigotterie und eine Quelle des Stolzes und der Inspiration für Millionen von Weissen und Schwarzen auf der ganzen Welt.

 

Ganz Amerika trauert über seinen Verlust, und wir sprechen seiner Familie und seinen Freunden unser Mitgefühl aus. Aber wir teilen auch ihren Stolz auf seine beruflichen Leistungen, seinen Dienst für sein Land und seine Kraft des Herzens und des Geistes.“[12]

 

Statt dem sinnlosen Versuch, mittels aggressiver und hasserfüllter Aktionen die Vergangenheit zu verändern, sollten wir in der Vergangenheit nach Vorbildern Ausschau halten, uns diese zu Herzen nehmen und versuchen, die zukünftige Welt durch Nachahmung derer Lebensweise zu verbessern. Der „Braune Bomber“ brachte Menschen zusammen und versuchte nicht, zu spalten oder zu zerstören. Er war ein Boxer, der der Welt mehr Liebe brachte als die meisten moralisierenden Politiker und Aktivisten, die noch nie jemandem ins Gesicht geschlagen haben.

 

 

Quellen:

 

 

 

[1] “The Cambridge Companion to Boxing“

 

[2] „Hello, Joe: a letter to Joe Louis”, Thomas Hauser (23. Januar 2003); www.secondsout.com

 

[3] „The Cambridge Companion to Boxing“, (2019)

 

[4] „Joe Louis“ von Randy Roberts (2010) 

 

[5] “Knocked down by Life, Joe Louis could rely on his friends” by Michael Beschloss in der New York Times (17.10.2014).

 

[6] „The greatest fight of our Generation“ by Lewis A. Erenberg (2005)

 

[7] „Powerful Moments in Sports“ by Martin Gitlin (2017)

 

[8] „Beyond Glory: Joe Louis vs. Max Schmeling, and a World on the Brink“ by David Margolicks (2005)

 

[9] „Joe Louis: The Great Black Hope“ by Richard Bak (1998)

 

[10] “Der Weltmeisterschaftsboxkampf: Sensationeller Ausgang der Begegnung Louis-Schmeling” aus „Geschäftsblatt – Volksblatt des Berner Oberlandes” vom 24. Juni 1938

 

[11] „From the ring to the course: How legendary boxing champion Joe Louis fought for diversity in golf“ by Bob Denney (16. Februar 2018); www.pga.com

 

[12] www.reaganlibrary.com

 

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