Ein Hoch auf die wahren Social Justice Warriors



Stellen sie sich eine multikulturelle demokratische Gesellschaft vor. Eine Gesellschaft, in welcher Frauen aber auch Menschen mit Behinderungen Führungsrollen innehaben. Eine Gesellschaft, in welcher gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden können, eine Gesellschaft ohne systemischen Rassismus, eine Gesellschaft mit einer durchdachten Sozialversicherung und eine Gesellschaft mit einem gerechten Entlöhnungssystem. Kurz eine Welt, in der soziale Gerechtigkeit herrscht. Dies Welt hat es tatsächlich gegeben. Verantwortlich dafür waren die wahren Social Justice Warriors! Die Piraten während dem goldenen Zeitalter der Piraterie um das Jahr 1700.

Multikultur, Diversity, Inklusion, Gleichberechtigung, Geschlechtergerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit sind in den letzten Jahren zu viel diskutierten Themen geworden. Nicht selten sind sie auch Schauplätze heftiger politischer Auseinandersetzungen. Es ist meine feste Überzeugung, dass dies wichtige Themen sind und wir in einer freien Gesellschaft die Voraussetzung so zu schaffen haben, dass alle Menschen die Chance haben ihre Stärken für sich zu nutzen aber auch der Gesamtheit zur Verfügung zu stellen.



Und jeder Mensch hat Stärken, so wie auch jeder Mensch Schwächen hat. Es darf nicht sein, dass es jemandem verwehrt wird zB sein Wissen, seine Fähigkeiten, seine physische Kraft, seine Geschicklichkeit oder sonst eine ihm eigene Stärke zu seinen Gunsten und zum Nutzen der Gesellschaft, einer Organisation oder einer Unternehmung zu gebrauchen. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 wird dies wie folgt zusammengefasst: «Wir halten diese Wahrheiten für heilig und unbestreitbar: dass alle Menschen gleich und unabhängig geschaffen sind, dass sie aus dieser gleichen Schöpfung eigene und unveräusserliche Rechte ableiten, zu denen der Schutz des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück gehören.»


Diese Grundidee ist auch im Sinne von erfolgsorientierten Organisationen. Wieso sollte zB eine Unternehmung auf die Führungsqualitäten, eine Eishockeymannschaft auf die Treffsicherheit oder die Armee auf die geistigen Fähigkeiten eines Menschen verzichten nur weil dieser Mensch eine Frau ist, eine Behinderung hat, homosexuell ist oder eine andere Hautfarbe hat? Der ehemalige republikanische Senator und Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater (Bild) sagte 1993 in einer Rede über das Verbot von Homosexuellen in der Armee: «Wenn man es auf den Punkt bringt, sollte kein Amerikaner, der in der Lage ist zu dienen, die Erlaubnis haben, geschweige denn eine Ausrede haben, seinem Land nicht zu dienen. Wir brauchen alle unsere Talente.»


Heute werden die Themen rund um die soziale Gerechtigkeit vor allem auch durch junge Aktivistinnen und Aktivisten besetzt. Diese Millennials, also geboren zwischen 1981 und 1996, werden auch Social Justice Warriors genannt, also Krieger für soziale Gerechtigkeit. Der Bedeutung des Begriffs Social Justice Warrior war zu Beginn positiv. In der letzten Zeit hat sich dies aber zunehmend gewandelt, heute wird vermehrt der Begriff «Social Reformer» gebraucht. Dass sich die Bedeutung des Begriffs «Social Justice Warrior» gewandelt hat, hängt auch mit dem zum Teil bizarren Verhalten von eben diesen selbstgerechten Millennials zusammen.


Die 1991 geborene und in New York lebende afroamerikanische Autorin und Frauenrechtlerin Tia Osborne schrieb in einem Essay mit dem Titel «Warum ich kein Social Justice Warrior bin»[1] im Jahre 2019:


«Ein Social Justice Warrior ist eine Person, die willentlich versucht, einen Unterschied zu machen, dabei aber in der schlimmstmöglichen Weise vorgeht. Social Justice Warrior sind typischerweise Studenten irgendeines geisteswissenschaftlichen Studiengangs, die, nachdem sie im College durch die amerikanische Geschichte anscheinend traumatisiert wurden, ohne gross darüber nachzudenken vom "Einreissen des Systems" sprechen. Statt mittels Recherche, Studium und selbständigem Denken eine Lösung zu suchen, äussert sich ihr Aktivismus in Form von unzähligen und nutzlosen Tweets und überflüssigen Empörungskundgebungen. Social Justice Warrior sind rein symbolisch. Hinter der demonstrativen Empörung, dem zur Schau stellen moralischer Werte (virtue signaling) und dem abnormalen Twitter-Verhalten, bleiben konkrete Handlungen aus. Die Social Justice Warrior liegen nicht falsch in ihren Ansichten, sie sind aber naiv und durch ihre Selbstgerechtigkeit irgendwie fehlgeleitet».


Damit ein System verändert werden kann, schreibt Tia Osborne weiter, braucht es eine ganzheitlich-holistische Sichtweise und konkrete Handlungen und genau diese lassen diese Social Justice Warriors vermissen. Tia Osborne geht sogar so weit, dass sie sagt, dass die selbstgerechten hyperaktiven Social Justice Warriors durch ihr Verhalten der Sache sogar schaden und schlussendlich zu «hilfreichen Idioten» für die Gegenseite werden.


Ich teile die Meinung von Tia Osborne. Es wird viel über soziale Gerechtigkeit, Diversity, Gleichstellung etc. diskutiert. Nicht selten bleibt es aber bei symbolischen Handlungen.


Nun komme ich aber zu jenen Social Justice Warrior, welche den Namen auch tatsächlich verdienen. Zu jenen Menschen, welche durch ihr Handeln tatsächlich soziale Gerechtigkeit geschaffen haben und die unsere Gesellschaft zu einer besseren werden liessen.


Stellen sie sich eine multikulturelle demokratische Gesellschaft vor. Eine Gesellschaft, in welcher Frauen aber auch Menschen mit Behinderungen Führungsrollen innehaben. Eine Gesellschaft, in welcher gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen werden können, eine Gesellschaft ohne systemischen Rassismus, eine Gesellschaft mit einer durchdachten Sozialversicherung und eine Gesellschaft mit einem gerechten Entlöhnungssystem. Kurz eine Welt, in der soziale Gerechtigkeit herrscht.


Dies Welt gab es und zwar lange bevor in Frankreich von «Egalité, Fraternité und liberté» die Rede war oder in den USA die Unabhängigkeitserklärung formuliert wurde. Dies Welt gab es zwischen 1690 und 1720 und die Social Justice Warrior von denen ich rede waren die Piraten.


Piraten sind als betrunkene, blutrünstige Kriminelle, die nicht zögern würden, einem Gefangenen das Ohr abzuschneiden oder ihn über die Planke zu schicken, in die Geschichte eingegangen.


Doch Historiker zeichnen zunehmend ein anderes Bild. Ganz anders, als was man zu meinen glaubt, waren die Piratenschiffe und die von ihnen bewohnten Orte wie Nassau oder Madagskar, die ersten Orte in der modernen Gesellschaft, wo Frauen, Schwarze und beeinträchtigte Menschen die Gleichberechtigung mit Weissen Männern erlangten.


"Das Deck eines Piratenschiffs war mit Abstand der Ort wo Schwarze in der Welt des weissen Mannes im 18. Jahrhundert am meisten Macht hatten", sagte Ken Kinkor[2], der berühmte, im Jahr 2013 verstorbene Piraten Historiker. Dies galt übrigens nicht nur für Schwarze, sondern eigentlich für alle Menschen.


Natürlich waren die Piraten auch rauhe Gestalten, natürlich waren sie aus heutiger Sicht zum Teil brutal und gewaltsam, und ja, sie handelten auch gegen das geltende Gesetz, was sie per Definition zu Kriminellen macht. Doch wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit das Gesetz zum Beispiel die Sklaverei und die Kinderarbeit zuliess, dann stellt sich unweigerlich die Frage auf welcher Seite die wahren Kriminellen gestanden sind.


Bevor ich die Errungenschaften der Piraten erläutern werde, möchte ich einen kleinen Einblick in die Lebensbedingungen der regulären Gesellschaft der damaligen Zeit geben. Einer Zeit, in welcher öffentliche Hinrichtungen der Unterhaltung des Volkes dienten, Schornsteinfegen und Bergbau gängige Beschäftigungsformen für Kinder im Vorschulalter waren und der transatlantische Sklavenhandel eine respektable Investitionsmöglichkeit der Mittelschicht darstellte.


Der preisgekrönte Journalist Colin Woodard beschreibt London, die damals modernste Stadt der Welt, zu Beginn des 18. Jahrhunderts in seinem Buch «The Republic of Pirates» wie folgt:


«Hunderte von Fährmännern ruderten permanent Boote mit Passagieren und Fracht die Themse hinauf und hinunter. In dem Fluss, in welchem täglich der Inhalt von einer halben Million Nachttöpfen, das Blut und die Eingeweide von Tausenden von geschlachtetem Vieh, die Kadaver von Katzen, Hunden, Pferden, Ratten und so ziemlich allem, das entsorgt werden wollte, flossen.»


Gegen 600'000 Menschen lebten vor 320 Jahren in London. Von denen starben jährlich eintausend an Lebensmittelvergiftung und Durchfall, achttausend starben an Fieber, Masern und Pocken forderten pro Jahr ebenfalls über tausend Todesopfer. Ein Drittel aller Kinder starb noch bevor sie sechs Monate Alt waren. Nur die Hälfte aller Kinder erreichte das 16. Lebensjahr.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist das Schicksal der Kinder zu Beginn des 18. Jahrhundert. Woodward schreibt: «In den Strassen wimmelte es von elternlosen Kindern, einige von ihnen waren durch Unfälle oder Krankheiten zu Waisen geworden, andere wurden von ihren Eltern, die sie nicht ernähren konnten, einfach auf den Stufen der Kirche ausgesetzt. Überforderte Kirchenbeamte vermieteten Babys für vier Pence am Tag an Bettler, die sie als Requisiten benutzten, und schickten Hunderte von Fünf- bis Achtjährigen in eine siebenjährige Sklaverei. Diese kleinen Kinder wurden von Schornsteinfegern gekauft, die sie ohne Masken oder Schutzkleidung in die Kamine schickten, um die eigentliche Reinigung zu übernehmen, manchmal während unter ihnen noch das Feuer brannte. Diese "Kletterjungen" erkrankten bald an Lungenkrankheiten, erblindeten oder stürzten einfach zu Tode.»


Körperliche Bestrafung war bei der britischen Navy

Interessant war auch die Rekrutierungsmethode der königlichen Marine. Pro Rekrut erhielten die Rekrutierer 20 Schilling vom Staat. Eigentlich waren die Rekrutierungen nichts anderes als Entführungen. Sogenannte Pressgangs überfielen Männer auf der Strasse, im Pub oder sogar in ihren Wohnungen schlugen sie nieder und brachten sie auf ein Schiff der Navy. Dort mussten die Männer unter den widrigsten Bedingungen dienen. Die Kapitäne waren absolute Tyrannen, welche ihre Mannschaft mit Angst führten. Seemänner wurden geschlagen oder auch je nach Lust und Laune wegen kleinster Vergehen hingerichtet. Dass die Bezahlung nicht der Rede wert war, versteht sich wohl von selbst. Bei der Handelsmarine waren die Bedingungen nur leicht besser.


Bevor man also die Piraten als kriminelle, blutrünstige Gewalttäter abstempelt, muss man sich der damaligen Lebensbedingungen, der damaligen Normalität bewusst sein. Dass die Piraten noch heute einen eher schlechten Ruf haben liegt daran, dass sie durch das damalige Establishment erfolgreich verunglimpft und verteufelt wurden. Die regierenden Klasse hatte ein Narrativ entwickelt, welches die Piraten als Terroristen und Verbrecher der schlimmsten Art darstellte.


Es war nicht die Tatsache, dass die Piraten als Seeräuber unterwegs waren, welches die europäischen Regierungen störte. So lange die Piraten nämlich als Freibeuter, d.h. mit Erlaubnis der Königinnen und Könige, unterwegs waren und einen Teil der Beute dem Staat abgaben, sah man kein Problem in ihrem Tun. Ein Problem wurden sie erst dann, wenn sie sich von den Staaten befreiten und so zum Zustandsstörer wurden, indem sie den Status Quo und somit die machthabende Klasse in Frage stellten.


In einem Bericht zuhanden des britischen Amtes für Handel und Plantagen im Jahre 1718 schreibt ein entsetzter Beamter: "Ich fürchte, die Piraten werden sich bald vervielfachen, denn viele sind bereit, sich ihnen anzuschliessen ... Die Aussicht auf Wohlstand und schnelles Geld, auf reichhaltiges Essen und Trinken, die Kameradschaft, die gelebte Demokratie, die Gleichheit und die Gerechtigkeit sowie das Versprechen, sich um die Verletzten zu kümmern, sind für viele Bürger sehr verlockend.»[3]


Wir sehen also, dass das negative Bild der Piraten grösstenteils von einem korrupten Establishment gezeichnet wurde, das ein Interesse daran hatte, sie zu zerstören und zu diskreditieren, um sich selber zu schützen. Während die europäischen Staaten die Piraten als Kriminelle darstellten, plünderten, brandschatzten und mordeten sie selber im Namen des Imperialismus.


Natürlich waren die Piraten keine Chorknaben und -mädchen, trotzdem kann man die Piraten als frühe Non-Konformisten sehen, die mit zukunftsweisenden Ideen den Status Quo bedrohten. Ihre revolutionäre Idee, Macht und Geld zu teilen, stellte die Obrigkeit vor eine riesige Herausforderung, wie auch ihr Glaube an die Demokratie. Jedes Besatzungsmitglied an Bord eines Piratenschiffes hatte eine Stimme, und die Republik der Piraten in Nassau auf den Bahamas war eine der egalitärsten Gesellschaften überhaupt, bis sie 1718 von den Briten zerschlagen wurde.


Piraten waren keine moralisierenden Gutmenschen, sie waren ganz klar eigennützig und profitorientiert aber genau das liess sie auch fortschrittlich sein.


Folgend sechs Lebensbereiche, in welchen die Piraten dem Rest der Welt um viele Jahre voraus waren::


1. Gerechtes Lohnsystem

Eine der frühesten Innovationen der Piraten, die in historischen Dokumenten bereits in den 1690er Jahren erwähnt wird, war das Konzept eines fairen Lohnanteils für die Besatzungsmitglieder. An Bord eines Piratenschiffs erhielten der Kapitän und der Quartiermeister drei oder vier Anteile an der Beute, andere wichtige oder risikoreiche Funktionen wie Ärzte und Kanoniere erhielten zwei Anteile und alle anderen Besatzungsmitglieder bis hin zum Kajütenjungen erhielten einen Anteil.


Vergleichen wir dies einmal mit der heutigen Situation. Gemäss einer Untersuchung des Economic Policy Institute[4] erhielt im Jahr 2019 ein CEO eines der 350 grössten Unternehmen in den USA im Durchschnitt 21,3 Millionen Dollar. Das Verhältnis von CEO-Vergütung zu typischer Mitarbeiter-Vergütung betrug somit 320 zu 1. Bei den Piraten war das Verhältnis 4 zu 1.!


2. Kein Rassismus

Black Ceaser

Wenn Piraten Sklavenschiffe angriffen, konnten sich die befreiten Sklaven ihnen anschliessen. Bezahlt wurden sie genau gleich wie alle anderen Crewmitglieder. Gemäss Historikern waren rund 1/3 der Besatzungen auf den Piratenschiffen nicht weisse Menschen. Auch schwarze Kapitäne gab es. Einer der bekanntesten war «Black Ceasar», der rund um die Florida Keys tätig war. Zusammen mit dem berühmten Piraten Blackbeard wurde er 1718 in Williamsburg hingerichtet. Als Blackbeard geschnappt wurde bestand seine Crew aus 60 % farbigen Mitgliedern.


3. Unfallversicherung

Wie schon gesagt, hielt das Establishment Piraten für inakzeptable Räuber und Plünderer. In dem Bemühen, den Piraten einen schlechten Ruf zu geben, wurden sie in Literatur und Medien zu dieser Zeit oft als behindert und böse dargestellt, mit Augenklappen, Holzbeinen und Haken, zum Beispiel in R.L. Stevensons «Long John Silver» oder J.M. Barries «Captain Hook». Auch wenn die genannten Bücher Romane waren und sowohl Long John Silver wie auch Captain Hook fiktionale Charaktere waren, basierten die beiden berühmten Bücher auf den Erzählungen von Seeleuten, welche echte Piraten getroffen hatten.


Ob es tatsächlich aktive Piraten mit Holzbeinen oder Haken gegeben hat, ist fragwürdig. Tatsache ist, dass Piraten eine Unfallversicherung hatten.

Der berühmte Captain Henry Morgan führte wohl die erste umfassenden Unfallversicherung in der Geschichte der Menschheit ein. Vor dem Angriff auf Panama im Jahre 1671 entwarf Morgan eine Charta für seine Mannschaft, die bestimmte Leistungen für jeden Mann garantierte, der im Kampf verletzt wurde. Jeder seiner 2’000 Mann starken Piratencrew hatte Anspruch auf 600 Silbertaler für den Verlust einer Hand oder eines Fusses, 1’800 Silbertaler für den Verlust beider Beine, 200 Silbertaler für ein Auge und 2’000 Silbertaler beim Verlust der kompletten Sehkraft - das entspricht heute in etwa 150’000 Schweizer Franken.


Dieses System der Unfallversicherung wurde in der Folge von den anderen Piraten übernommen. Zum Vergleich: In er Schweiz haben Arbeiterinnen und Arbeiter seit 1877 – also mehr als 200 Jahre nach Captain Morgan - ein Recht auf eine Entschädigung für berufsbedingte Unfälle und Krankheiten[5]. Vor Einführung der der SUVA im Jahre 1918, die einen automatischen Entschädigungsanspruch garantiert, mussten die Werktätigen dieses Recht aber selber einfordern.


4. Demokratie und Gewaltentrennung

Der Dienst auf einem Piratenschiff war freiwillig. Die meisten Piraten waren vorher bei der Navy oder bei der Handelsmarine und hatten somit Erfahrungen als Seefahrer.


Trotz oder wohl eher wegen ihrer Erfahrung hatten sie nicht die Absicht, das Organisationsmodell aus der Marine oder der Handelsmarine zu kopieren, im Gegenteil, sie stellten es auf den Kopf.


Sie gingen dazu über, ihre Kapitäne zu wählen, und wenn sie mit deren Auswahl unzufrieden waren, konnten sie sie auch jederzeit abwählen. Die Piraten gaben ihren Kapitänen absolute Autorität während des Kampfes, aber die meisten anderen Entscheidungen wurden demokratisch im Rahmen von Versammlungen getroffen, einschliesslich der Fragen, wohin sie gehen sollten, was sie angreifen sollten, welche Gefangenen sie behalten oder freilassen sollten oder wie sie Übertretungen innerhalb ihrer Unternehmen bestrafen sollten. Und: Alle waren stimmberechtigt. Alle hatten eine Stimme, unabhängig der Hautfarbe, des Geschlechts oder des Alters. Denkt mal darüber nach: Die Piraten waren der Schweiz 300 Jahre voraus!


Nicht selten assen die Kapitäne das gleiche Essen und teilten die Kajüten mit ihrer Mannschaft. Die Besatzung hielt ihre Autorität weiter in Schach, indem sie einen, dem Kapitän gleichberechtigten Offizier wählten, den Quartiermeister. Dieser sorgte dafür, dass Verpflegung, Beute und Arbeiten gerecht verteilt wurden. Gewaltentrennung ist heute völlig normal und nicht mehr wegzudenken. Damals galten die Piraten mit solchen Ideen aber als Staatsfeinde.


Wenn die Männer ihrem Anführer vertrauten und mit seiner Leistung zufrieden waren, folgten sie ihm bis zum bitteren Ende. Wenn nicht, tauschten sie ihn im Handumdrehen aus.


Man stelle sich einmal vor, wir würden in gewissen Organisationen die Chefs demokratisch durch die Unterstellten wählen lassen. Was spricht eigentlich dagegen, dass zum Beispiel die Lehrer ihren eigenen Schuldirektor bestimmen, oder die Unterstellten in der Armee ihre Generäle demokratisch auswählen, oder wieso könnte nicht auch ein CEO durch die Angestellten gewählt werden? Damit allen Recht getan ist, könnte zum Beispiel der Verwaltungsrat eine Vorauswahl mit mehreren Kandidaten den Angestellten präsentieren. Vielleicht eine verrückte Idee, die Piraten hatten damit aber grossen Erfolg.


5. Feminismus

Es gibt mehrere bekannte weibliche Piraten. Die berühmtesten sind Anne Bonny und Mary Read. Diese beiden Frauen waren Piratenpionierinnen und Proto-Feministinnen, deren bahnbrechender Einfluss tiefgreifender ist, als Sie sich vorstellen können.


Diese beiden Frauen brachen eine, der lange Zeit unbestrittenen Regeln unserer Gesellschaft - diejenige, die besagte, dass Frauen keine vollwertigen, autonomen Menschen mit den gleichen Rechten, Pflichten und Fähigkeiten wie Männer sind. Indem sie in See stachen, trugen sie zu einer der weitreichendsten - wenn auch langsam voranschreitenden und unvollendeten - Revolutionen bei, die unsere Welt je gesehen hat: dem Kampf um gleiche Rechte für Mann und Frau. Die Geschichte von Bonny und Read beweist, was man erreichen kann, wenn man fragt, warum nicht, Risiken eingeht, Verbündete für seine Sache findet und anderen zeigt, dass all das, was man für die absolute Wahrheit gehalten hat falsch war.


In der Schweiz feiern wir in diesem Jahr 50 Jahre Frauenstimmrecht... Anne Bonny, Henry Morgan, Mary Read, Blackbeard, Calico Jack oder Sir Francis Kidd waren der Schweiz gut 300 Jahre voraus!


Übrigens: Die grösste Piratenflotte aller Zeiten wurde von der Chinesin Ching Shih geführt. Anfang des 19. Jahrhundert kommandierte die ehemalige Prostituierte eine Flotte mit 1'800 Schiffen und 80'000 Seeleuten. Die clevere Frau schaffte es mit der Regierung einen Deal auszuhandeln, durfte ihren Schatz behalten und starb als angesehene und wohlhabende Bürgerin im Alter von 69 Jahren einen natürlichen Tod.


6. Gleichgeschlechtliche Ehe

Europa war im 17. und 18. Jahrhundert ideologisch klar gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen eingestellt und beschrieb sie mit Begriffen wie "Sodomie" und "Unzucht". Homosexualität konnte mit dem Tod bestraft werden, was aber nur selten geschah.


Da Piraten in so ziemlich jeder Hinsicht den gesellschaftlichen Normen trotzten, überrascht ihre Akzeptanz solcher Tabu-Beziehungen eigentlich nicht wirklich.


In der Piratengesellschaft konnten nämlich zwei Männer eine zivilrechtliche Verbindung miteinander eingehen, die Matelotage genannt wurde - von dort kommt der Begriff «Mate».


Wie bei einer konventionellen Heiratszeremonie tauschten die beiden Männer goldene Ringe aus und gelobten einander ewige Verbundenheit.


Es wird angenommen, dass die Matelotage als eine rein wirtschaftliche Partnerschaft begann, sozusagen als Zweckehe. Von den beiden getrauten Piraten wurde erwartet, dass sie alles miteinander teilen. Sie sollten die Beute aufteilen und ihre Besitztümer, auch wurde erwartet, dass man sich, wenn nötig um seinen kranken, verletzten oder invaliden Partner kümmert. Auch war der Hinterbliebene erbberechtigt


In vielen Fällen war die Matelotage aber mehr als rein praktischer Natur. Einige Piraten hatten eine liebevolle brüderlich Beziehung, so etwas wie eine Bromance; in anderen Fällen war sie romantisch und sexuell. Egal zu welchem Zweck der Bund geschlossen wurde. Auch in diesem Bereich waren die Piraten ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus.


Es gibt noch zahlreiche weitere Beweise dafür, dass die Piraten weit weniger schlimm waren als allgemein dargestellt und vor allem weit weniger schlimm als die staatlichen Organisationen.


«Die staatlichen Schurken verunglimpfen uns, dabei gibt es nur diesen einen Unterschied: Sie rauben die Armen unter dem Deckmantel des Gesetzes aus, und wir plündern die Reichen unter dem Schutz unseres eigenen Mutes.» so der Piraten Captain Black Sam[6]


Sie sehen, die Piraten waren die echten Social Justice Warrior. Sie waren keine selbstgerechten moralisierenden Schwätzer, sondern pragmatische, progressive und ökonomisch denkende Macher, die aus der unfreien und ungerechten Welt ausgebrochen sind, um ein besseres Leben zu führen.


Empfehlenswerte Bücher:

The Republic of Pirates von Colin Woodard

Empire of Blue Waters: Captain Morgan's great Pirate Army von Stephan Talty

A general history of Pirates von Captain Charles Johnson, Daniel Defoe etc

The invisible Hook von Peter T. Leeson

The Golden age of Piracy von David Head

Be more Pirate: Or how to take on the World and win von Sam Allende


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[1] https://medium.com/@tmarieos324/why-im-not-a-social-justice-warrior-ae3fc1a4f450 [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Ken_Kinkor [3] Peter Linebaugh and Marcus Rediker, “The Many-Headed Hydra: Sailors, Slaves, Commoners, and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic, Beacon Press (2013) [4] https://www.epi.org/publication/ceo-compensation-surged-14-in-2019-to-21-3-million-ceos-now-earn-320-times-as-much-as-a-typical-worker/ [5] https://www.geschichtedersozialensicherheit.ch/akteure/profile-von-betroffenengruppen/unfall-und-militaerversicherte [6] Charles Johnson: A General History of Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates (1724)

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