Kenne Deine Mitarbeiter!


Führungskräfte haben etwas gemeinsam, alle Chefs, egal ob es sich dabei um Unternehmer, militärische Kommandanten, Coaches von Sportmannschaften, Dirigenten, Abteilungsleiter, Vereinspräsidenten, Staatsoberhäupter oder Eltern handelt, haben drei Pflichten wahrzunehmen. Es sind dies, die drei Pflichten, welche die Essenz der Führung ausmachen. Führungskräfte sollten viele Dinge tun, diese drei Dinge müssen sie tun: Entscheiden, motivieren und die Verantwortung tragen. Damit eine Führungskraft diese Pflichten erfolgreich wahrnehmen kann, muss sie vor allem Eines: Sie muss Ihre Mitarbeiter kennen.

Bei der Führung geht es darum, dass der Vorgesetzte das Handeln seiner ihm anvertrauten Unterstellten auf das Erreichen eines Zieles ausrichtet. Für die Führungskraft bedeutete dies, dass er zu entscheiden hat, wie und auf welchem Weg das angestrebte Ziel erreicht werden soll. Weiter muss die Führungskraft sein Team davon überzeugen - es motivieren - den eingeschlagenen Weg zu gehen. Egal ob das Ziel erreicht wird oder nicht, der Vorgesetzte trägt die Verantwortung.

Entscheidend für den Erfolg eines Teams ist der Einsatz der zur Verfügung stehenden Mittel und Ressourcen. Je optimaler die Mitarbeiter gemäss ihren Eignungen und Neigungen, ihren Fertigkeiten und Fähigkeiten eingesetzt werden, umso besser funktioniert das Team. Dabei geht es nicht nur um die technischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Mitarbeiter, sondern auch um deren mentalen Stärken, deren Sozialkompetenz - deren Persönlichkeit.

Auch wenn unsere Mitarbeiter Uniformen tragen, ähnliche Ausbildungen haben, die gleiche Sprache sprechen und in etwa gleich alt sind, so handelt es sich dennoch um Individuen. Individuen, die verschiedene Stärken und Schwächen, unterschiedliche Sorgen, Ängste, Freuden und Interessen haben, sowie über ganz unterschiedliche Biografien verfügen.

Auch die jeweiligen Lebenssituationen können von einem Mitarbeiter zum anderen völlig verschieden sein. Während der eine frisch verliebt ist, hat der andere ein krankes Kind zu Hause, ein dritter plagt sich mit Geldsorgen, ein weiterer steht mitten in einer Scheidung und ein anderer hat sich soeben ein Haus gekauft.

Individuen unterscheiden sich ebenfalls in Bezug auf ihr Wertesystem. Auch wenn wir im gleichen Kulturkreis leben, so haben wir dennoch nicht alle die gleichen Werte, bzw. die gleichen Lebensphilosophien. Auch wenn mehrere Menschen das Gleiche tun, so heisst dies noch lange nicht, dass die Motive für deren Tun die gleichen sind. Hierzu eine kleine Geschichte:

Im Mittelalter kam ein Passant an einer Baustelle vorbei. Er trat zu einem Arbeiter und fragte diesen: „Was ist deine Aufgabe?“ Der Arbeiter antwortete mürrisch: „Bist du blind? Ich bearbeite diese unmöglichen Steine mit primitiven Werkzeug und lege sie so aufeinander, wie mir der Chef gesagt hat. Ich schwitze in dieser heissen Sonne. Mein Rücken bricht mir fast durch. Ich langweile mich. Mit dem verdienten Geld gehe ich am Abend in der Taverne etwas trinken, dadurch wird mein Dasein erträglicher!“

Der Passant zog weiter. und suchte sich einen zweiten Arbeiter, dem er dieselbe Frage stellte: „Was ist deine Aufgabe?“ Der Arbeiter erwiderte: „Ich behaue diese Steine, damit sie brauchbar werden. Danach werden sie dem Plan des Architekten entsprechend zusammengesetzt. Ich verdiene fünf Franken pro Woche und ernähre damit meine Familie. Ich habe Arbeit, und ganz bestimmt könnte es schlimmer sein“.

Von dieser Antwort ein wenig ermutigt ging der Mann zu einem dritten Arbeiter: „Was ist deine Aufgabe?“, fragte er. „Kannst du denn nicht sehen?“, erwiderte der Arbeiter und hob seinen Arm zum Himmel. „Ich baue eine Kathedrale für die Ewigkeit!“

Ein Fehler, den viele Vorgesetzte machen ist, dass sie von sich auf ihre Unterstellten schliessen. Sie glauben, dass ihr eigenes Wertesystem auch für die Unterstellten gültig ist, und dass alle auf die gleichen Motivatoren positiv reagieren. Dem ist aber nicht so.

Damit ich als Vorgesetzter erfolgsversrechende Entscheide treffen kann, muss ich die Stärken und Schwächen meiner Unterstellten kennen, wenn ich meine Mitarbeiter motivieren will, dann muss ich zuerst wissen, durch was diese motiviert werden. Kurz: Ich muss meine Mitarbeiter, meine Unterstellten kennen. Ich muss den Menschen, das Individuum hinter dem Funktionsträger kennen!

Ein entsprechendes Schlüsselerlebnis hatte ich vor rund zwanzig Jahren als Kompaniekommandant. Die Geschichte findet Sie auch in meinem Buch „Wie entscheiden Sie?“

Vor vielen Jahren hatte ich einen Rekruten, der nie in den Ausgang ging. Statt mit seinen Kameraden an den zwei zur freien Verfügung stehenden Abenden pro Woche zum Nachtessen zu gehen oder sich in einem Pub zu amüsieren, blieb der Rekrut stets alleine in der Kaserne zurück. Wir Kader waren uns einig, dass es sich bei diesem Rekruten um einen Eigenbrötler mit mangelnder Sozialkompetenz handelte. Im persönlichen Gespräch erfuhr ich von dem Rekruten, dass er in seiner Freizeit ein passionierter Goa-Discjockey ist. Ich nahm diese Tatsache, obwohl ich nicht genau wusste was ein Goa-DJ ist, zur Kenntnis.

Am darauffolgenden Wochenende erkundigte ich mich bei einem guten Freund, der selber Musikproduzent war, was denn ein Goa-Dj genau sei. Er erklärte mir, dass es sich bei dem Musikstil um ein Subgenre der Trance-Musik handelt. Charakteristisch bei dieser Musik sei die Einmischung von Acid-Trance-Linien, welche durch einen TB-303-Synthesizer produziert werden, so mein Freund. Das Problem aber sei, dass dieser Synthesizer nicht mehr produziert wird und nun für teures Geld auf dem Occasionsmarkt erworben werden muss.

Bei einem Mittagessen auf dem Felde fragte ich den Rekruten beiläufig, ob er einen TB-303 besitze. Der Angesprochene lies fast sein Essgeschirr fallen: „Kommandant! Sind sie Goa?“ fragte er sichtlich überrascht. Ich verneinte. Er erklärte mir, dass er noch keinen solchen Synthesizer sein Eigen nennen könne. Es sei aber sein Ziel, sich einen solchen TB-303 nach der Rekrutenschule zu erwerben. „Ich habe mir ausgerechnet, dass ich nach der 18wöchigen Rekrutenschule genügend Geld gespart habe, um mir einen TB-303 zu kaufen. Ich lege dafür den gesamten Sold auf die Seite, deshalb gehe ich auch nie in den Ausgang“, so der Rekrut.

Das Bild des Eigenbrötlers mit mangelnder Sozialkompetenz änderte sich mit dieser Aussage sofort zu jenem eines zielgerichteten, disziplinierten und beharrlichen jungen Mannes. Man stelle sich einmal vor, wie viel Selbstdisziplin jemand braucht, um in einer Gruppe von 150 zwanzigjährigen Männer Abseits zu stehen, um sein eigenes Ziel zu verfolgen. Es ist bewundernswert!

Es ist nachvollziehbar, dass das Verhalten eines Vorgesetzten gegenüber seiner Unterstellten auch stark damit zusammenhängt, wie er diese wahrnimmt. Als Führungskraft dürfen wir uns deshalb nicht von Vorurteilen leiten lassen. Es ist zwingend, dass wir den Menschen in seiner Gesamtheit erfassen, damit wir diesen auch erfolgsversprechend, und somit auch zu seiner Zufriedenheit, einsetzen können. Aus diese Grund sollte sich jeder Vorgesetzte zum Ziel setzen, seine ihm anvertrauten Mitarbeiter zu kennen.

Da sich die Menschen im Laufe der Zeit verändern, darf das Kennenlernen auch nicht nur als einmaliger Akt verstanden werden, sondern vielmehr als ein permanenter Prozess. Es reicht nicht, wenn sich der Chef zu Beginn der Anstellung einmal die Zeit nimmt und sich mit einem neuen Angestellten kurz unterhält bzw dessen Lebenslauf überfliegt. Als Vorgesetzter muss ich täglich den Puls meiner Mitarbeiter fühlen, ich muss mich für sie interessieren, ich muss mich um deren Wohlergehen kümmern.

Damit ich dies kann, darf ich mich nicht in meinem Büro einschliessen. Ich muss zu meinen Leuten gehen, mit ihnen die Pause verbringen, mich mit ihnen im Gang austauschen, mit ihnen zu Mittagessen etc. Ein Vorgesetzter muss den direkten Kontakt suchen und nicht nur über Email und SMS kommunizieren, er muss auch in der Lage sein nicht-berufsspezifische Themen mit seinen Mitarbeitern zu diskutieren. Es ist, so bin ich überzeugt, viel wichtiger, dass ein Vorgesetzter ein echtes Interesse für seine Mitarbeiter entwickelt, als dass er sich pedantisch um seine administrativen Aufgaben kümmert.

Führung hat mit Menschen zu tun, es geht darum Entscheide zu fällen, welche Menschen betreffen, es geht darum Menschen zu motivieren und es geht darum, die Verantwortung für das gemeinsame Erreichen der Ziele zu übernehmen. Dies geht nur, wenn ich meine Mitarbeiter kenne und gerne habe.

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