Schutzschirm für die Schweiz: «Wir sind viel verletzlicher, als wir meinen»
Die Schweiz ist wohlhabend, stabil und sicher. Doch wie lange noch? Tom Vogel, Unternehmer, Oberstleutnant im Generalstab und Chefredaktor des «Schweizer Soldat», warnt vor einer gefährlichen Selbstzufriedenheit. Im Podcast «Der Stoische Pirat» spricht er über die fehlende Luftverteidigung, politische Versäumnisse und die Bedeutung einer starken Schweizer Rüstungsindustrie.
Was würde passieren, wenn morgen bewaffnete Drohnen oder Raketen die kritische Infrastruktur der Schweiz angreifen? Tom Vogels Antwort fällt ernüchternd aus: «Da wird es dunkel.»
Vogel weiss, wovon er spricht. Der Unternehmer ist Oberstleutnant im Generalstab, Kommandant eines Cyberbataillons, Präsident der Generalstabsoffiziersgesellschaft und Chefredaktor der Fachzeitschrift «Schweizer Soldat». Er beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit sicherheitspolitischen Fragen. Im Gespräch mit Mathias Müller zeichnet er ein beunruhigendes Bild der schweizerischen Verteidigungsfähigkeit.
«Ich glaube, wir sind viel verletzlicher, als wir meinen», sagt Vogel. Das Problem sei nicht allein die militärische Bedrohung. Vielmehr habe sich die Schweiz an einen Wohlstand und eine Sicherheit gewöhnt, die sie zunehmend als selbstverständlich betrachte.
Vier Milliarden für einen Schutzschirm
Mit der Petition «Schutzschirm Schweiz» will Vogel gemeinsam mit zahlreichen Persönlichkeiten aus Militär, Wirtschaft und Politik erreichen, dass der Bund rasch mindestens vier Milliarden Franken für die Luftverteidigung bereitstellt.
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as Geld soll über einen Rüstungsfonds verfügbar gemacht werden, damit zusätzliche Abwehrsysteme gegen Raketen und weitreichende Drohnen bestellt werden können. Hintergrund sind unter anderem die Verzögerungen bei der Beschaffung des amerikanischen Patriot-Systems.
Dabei wären vier Milliarden erst der Anfang. Für einen glaubwürdigen Schutz der kritischen Infrastruktur beziffert Vogel den mittelfristigen Bedarf auf rund zehn Milliarden Franken. Rechnet man weitere Ausrüstungslücken der Armee hinzu, spricht er von einem Gesamtbedarf von bis zu 40 Milliarden Franken.
Entscheidend sei die Zeit. Wer heute bestelle, erhalte moderne Waffensysteme angesichts der internationalen Nachfrage möglicherweise erst Jahre später. Ohne rasches Handeln könnte die Schweiz nach Vogels Einschätzung bis weit in die 2030er-Jahre unzureichend geschützt bleiben.
Die gefährliche Illusion der Sicherheit
Vogel unterscheidet zwischen militärischem Potenzial und politischer Absicht. Auch wenn derzeit niemand einen Angriff auf die Schweiz plane, könnten sich Absichten rasch ändern. Der Aufbau wirksamer Verteidigungsfähigkeiten hingegen dauere Jahre.
Er verweist auf seine jüngsten Erfahrungen am Persischen Golf. Dort habe er erlebt, wie Raketenangriffe und militärische Unsicherheit das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben selbst in wohlhabenden Staaten erschüttern können. Für Vogel ist das eine Warnung an die Schweiz: Weder Wohlstand noch Neutralität garantieren Sicherheit.
Auch die Bedrohung im digitalen Raum beschäftigt ihn. Als Cyberbataillonskommandant kennt er die Herausforderungen der hybriden Kriegsführung. Auf die Frage, ob die Schweiz bereits Teil eines solchen Konflikts sei, antwortet er: «Aber wenn man schaut, das passiert im digitalen Raum in der Schweiz, das ist nicht mehr Frieden.»
Die Grenze zwischen innerer und äusserer Sicherheit werde zunehmend unscharf. Statt Zuständigkeiten gegeneinander auszuspielen, brauche es ein gemeinsames Verständnis der Bedrohungen.
Ohne Rüstungsindustrie keine Durchhaltefähigkeit
Ein weiteres Thema des Gesprächs ist die Abstimmung vom 29. November über die Revision des Kriegsmaterialgesetzes. Vogel warnt eindringlich vor einer Ablehnung.
Die Schweiz riskiere damit nicht nur ihre Glaubwürdigkeit als internationaler Rüstungspartner, sondern auch Arbeitsplätze und technologische Fähigkeiten. Besonders betroffen seien Unternehmen, deren Produkte sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können, etwa in der Drohnentechnologie.
Für Vogel ist eine leistungsfähige Rüstungsindustrie kein Selbstzweck, sondern Bestandteil einer glaubwürdigen Landesverteidigung. Sein Argument: «Wenn du deinen Nachschub nicht selbst produzieren kannst, dann bestehst du in einem längeren Krieg nicht.»
Die Schweiz müsse nicht vollständig autark werden. Aber ohne eigene industrielle Fähigkeiten und verlässliche internationale Partnerschaften werde ihre Verteidigungsfähigkeit im Ernstfall massiv eingeschränkt.
Sicherheit beginnt vor der Krise
Vogel fordert deshalb einen politischen Kurswechsel. Die Schweiz müsse wieder lernen, Sicherheit als eine ihrer zentralen staatlichen Aufgaben zu verstehen. Dazu gehörten finanzielle Prioritäten, schnellere Beschaffungsverfahren und die Bereitschaft, unbequeme Entscheidungen zu treffen.
Seine Botschaft ist ebenso einfach wie unbequem: Die Schweiz kann sich nicht darauf verlassen, dass sie auch künftig von militärischen Bedrohungen verschont bleibt. Wer erst handelt, wenn die Gefahr unmittelbar vor der Haustür steht, handelt möglicherweise zu spät.
Die Petition kann unter www.schutzschirm.ch unterzeichnet werden.
Das vollständige Gespräch mit Tom Vogel ist in Folge 201 des Podcasts «Der Stoische Pirat» mit Mathias Müller zu hören.
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