Schiessen: Zwischen Kontrolle und Loslassen – warum es wie Meditation wirkt
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Ein ehemaliger Kriminalpolizist aus Buenos Aires baut in der Schweiz eine der modernsten Schiessanlagen Europas. Doch wer hier Gewalt erwartet, irrt. Martin Eerhard spricht über Verantwortung, Fokus – und warum eine Stunde Schiessen eher einer Meditation gleicht als einem Adrenalinkick.
Es beginnt nicht mit Waffen. Es beginnt mit Erfahrung.
Martin Eerhard kennt die Realität hinter dem Mythos. Als ehemaliger Kriminalpolizist hat er erlebt, was es bedeutet, eine Waffe einzusetzen. Seine Schlussfolgerung ist klar und nüchtern:
„Der Einsatz einer Schusswaffe bringt immer Konsequenzen mit sich – oft solche, auf die man nicht stolz ist.“
Und genau deshalb hat er einen anderen Weg gewählt.
Heute ist Eerhard Gründer und CEO der Swiss Shooting Range – mit mehreren Standorten, über 56.000 registrierten Kunden und einem Ansatz, der sich radikal von gängigen Klischees unterscheidet.
Hier geht es nicht um Gewalt. Es geht um Verantwortung.
Ein Ort ohne Klischees
Wer die Anlage betritt, merkt schnell: Das ist kein dunkler Keller, kein Ort für martialische Fantasien.
Die Räume sind hell, offen, fast schon elegant. Waffen liegen in beleuchteten Vitrinen – eher wie Designobjekte als wie Werkzeuge der Gewalt.
„In diesen Vitrinen sollte es keinen Unterschied geben zwischen einer Waffe oder einer Handtasche“, sagt Erhardt.
Das Ziel ist klar: Zugang schaffen statt abschrecken.
Das Publikum spiegelt genau das wider. Vom Bauarbeiter bis zur Botschafterin, vom Einsteiger bis zum Profi. Rund 35 Prozent der Kunden sind Frauen – ein Wert, der zeigt, wie sehr sich die Wahrnehmung verändert hat.
Keine Faszination für Waffen – sondern für Verantwortung
Eerhard selbst widerspricht bewusst dem gängigen Bild:
„Ich habe keine Faszination für Waffen. Für mich sind sie Werkzeuge.“
Das ist der entscheidende Unterschied.
Nicht die Waffe steht im Zentrum – sondern der Umgang mit ihr.
Sein Konzept folgt einer klaren Logik:
Erleben. Lernen. Trainieren.
Jeder darf kommen. Jeder darf Fragen stellen. Vorwissen ist keine Voraussetzung.
Oder, wie er es selbst sagt:
„Wir wollen der erste Anlaufpunkt für Menschen sein, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten.“
Der Moment der Wahrheit: Fokus
Was viele überrascht: Schiessen ist kein hektischer, lauter Akt.
Es ist Konzentration.
Eine Stunde reicht – und die Menschen sind erschöpft. Nicht körperlich, sondern mental.
„Nach einer Stunde sind die Leute müde – richtig müde. Wie nach einer Hardcore-Yogastunde.“
Warum?
Weil alles andere verschwindet.
Kein Handy. Keine Ablenkung. Keine Gedanken an Alltag oder Probleme. Nur Atem, Ziel, Bewegung.
Und dann dieser eine Moment:
Du kontrollierst alles – bis zum Abdrücken.
Und danach nichts mehr.
Kontrolle und Loslassen
Genau hier liegt die Parallele zur Meditation.
Du bereitest dich vor. Du fokussierst dich. Du kontrollierst jede Bewegung.
Und dann lässt du los.
Der Schuss verlässt den Lauf – und damit auch deine Kontrolle.
Es ist ein einfacher, aber ehrlicher Mechanismus.
Und vielleicht genau deshalb so kraftvoll.
Freiheit braucht Verantwortung
Eerhard vertritt eine klare Haltung: Waffen sind nicht das Problem. Der Umgang damit ist entscheidend.
„Wenn jemand eine Waffe besitzt, muss er zwingend damit umgehen können.“
In der Schweiz funktioniert dieses System – weil Verantwortung Teil der Kultur ist.
Und weil Orte wie seine genau das vermitteln: Sicherheit, Wissen und Respekt.
Warum man es einmal erlebt haben sollte
Am Ende bleibt keine Ideologie, sondern eine Erfahrung.
„Es ist nicht verkehrt, einmal im Leben geschossen zu haben.“
Nicht, um stärker zu wirken. Nicht, um sich zu verteidigen. Sondern um zu verstehen.
Was Fokus bedeutet. Was Verantwortung bedeutet.
Und wie nah Kontrolle und Loslassen beieinanderliegen.
Die Swiss Shooting Range ist kein Ort für Extreme.
Sie ist ein Ort für Klarheit.
Ein Ort, an dem Menschen für einen Moment alles ausblenden – und sich auf das Wesentliche konzentrieren.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie immer wieder zurückkommen.
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