Social-Media-Verbot - Verbieten statt erziehen?
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Soll Social Media für unter 16-Jährige verboten werden? Der Ruf danach wird lauter – im Namen des Jugendschutzes. Doch löst ein Verbot wirklich Probleme oder ersetzt es Erziehung durch Regulierung? In dieser Folge schaue ich nüchtern auf die wissenschaftliche Lage, spreche über Verantwortung von Eltern, die Bedeutung digitaler Bildungsräume und warum Anonymität für eine freie Gesellschaft zentral ist. Schutz ist wichtig – aber was passiert, wenn wir aus Angst Freiheit opfern?
Der nach einem Social-Media-Verbot für Jugendliche kommt mit moralischer Wucht. „Wir müssen die Kinder schützen.“ Und natürlich – wer will da widersprechen? Niemand ist gegen Jugendschutz. Niemand ist für Verwahrlosung. Niemand will, dass Jugendliche in problematische Inhalte geraten.
Und trotzdem lohnt es sich, einen Moment innezuhalten. Denn immer wenn in einer Gesellschaft etwas schiefläuft, greifen wir reflexartig zum gleichen Mittel: Verbot.
Es gibt Gewalt am Bahnhof? Messer verbieten. Es gibt Suizide? Waffen verbieten. Es gibt Polarisierung? Soziale Medien verbieten.
Das ist die einfachste Lösung. Und oft die bequemste. Aber sie ist selten die tiefste.
Bevor wir moralisch urteilen, sollten wir uns fragen: Was sagt eigentlich die Wissenschaft?
In der öffentlichen Debatte entsteht häufig der Eindruck, soziale Medien seien die eindeutige Ursache von Depression, Aggression oder Vereinsamung bei Jugendlichen. Das klingt dramatisch. Es verkauft sich gut. Aber die empirische Lage ist deutlich differenzierter.
Eine viel zitierte Studie von Amy Orben und Andrew Przybylski – veröffentlicht 2019 in Nature Human Behaviour unter dem Titel “The association between adolescent well-being and digital technology use” – zeigt: Der statistische Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und psychischem Wohlbefinden ist messbar, aber klein.
Klein.
Weitere Übersichtsarbeiten, etwa Valkenburg et al. 2022 in Nature Reviews Psychology oder neuere Meta-Analysen wie Fassi et al. 2024 zu Social Media und internalisierenden Symptomen, kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Die Effekte sind kontextabhängig. Manche Jugendliche profitieren. Manche leiden. Die Mehrheit bewegt sich irgendwo dazwischen.
Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt. Aber es bedeutet, dass wir keinen klaren kausalen Beweis haben, der ein pauschales Verbot rechtfertigt. Politik darf sich nicht auf moralische Panik stützen. Wenn wir schon regulieren, dann bitte auf Basis sauberer Evidenz – nicht auf Basis von Schlagzeilen.
Und dann sollten wir ehrlich sein: Ist das wirklich ein Jugendproblem?
Schauen Sie sich einmal um. Wenn Sie im stockenden Kolonnenverkehr auf der Autobahn stehen – wie viele Menschen haben das Handy in der Hand? Sehr viele. Und soweit ich weiss, darf man in der Schweiz erst ab 18 Jahren Auto fahren.
Wenn Sie im Zug sitzen – wer scrollt? Nur 14-Jährige?Wenn Sie im Restaurant schauen – wer legt das Telefon neben den Teller?
Die schärfsten, aggressivsten Online-Debatten, die ich erlebe, stammen selten von 15-Jährigen. Sie stammen von 40-, 50-, 60-Jährigen, die in ihrer Meinung festgefahren sind und keinerlei Zweifel mehr zulassen.
Vielleicht projizieren wir unsere eigene digitale Überforderung auf die Jugend.
Jetzt kommt ein Punkt, über den fast nie gesprochen wird.
Stellen Sie sich einen Schulhof vor.Ein 14-jähriger Junge steht am Rand. Vielleicht weil er die „falsche“ Musik hört. Vielleicht weil er sich für Geschichte interessiert, während andere nur über Mode sprechen. Vielleicht wie er Briefmarken sammelt. Vielleicht weil er programmieren liebt. Vielleicht weil er nicht dazugehört.
Der Schulhof kann grausam sein. Und viele von uns wissen das noch aus eigener Erfahrung. Die Welt war früher nicht rosiger – sie war nur analog.
Und jetzt sitzt dieser Junge am Abend in seinem Zimmer. Und plötzlich findet er online Menschen, die seine Leidenschaft teilen. Menschen, die sich ebenfalls für Geschichte interessieren. Oder fürs Programmieren. Oder für eine bestimmte Musik. Oder er spielt ein Spiel wie Fortnite und spricht mit Jugendlichen aus Kanada, Brasilien oder Singapur. - Er ist nicht mehr allein.
Und hier möchte ich etwas klarstellen: Meine eigenen Kinder wurden nicht gemobbt. Das ist nicht der Punkt. Aber ich habe erlebt, wie sie mit 13 oder 14 Jahren über Online-Spiele Kontakte in die halbe Welt aufgebaut haben. Ich hörte sie fliessend Englisch sprechen, diskutieren, sich organisieren. Das war interkulturelle Kompetenz in Reinform.
Früher hätten wir gesagt: Grossartig. Heute sagen wir: Gefahrenzone.
Und nun kommt der Staat und sagt: „Du darfst da nicht rein.“
Wir sprechen viel über Cybermobbing – zu Recht. Aber wir sprechen viel zu wenig über den digitalen Rettungsraum. Für Jugendliche, die sich anders fühlen. Für Minderheiten. Für jene, die im realen Umfeld keinen Anschluss finden.
Ein pauschales Verbot trifft nicht primär den Durchschnitt. Es trifft jene am Rand.
Nun wird oft argumentiert: Jugendliche müssen geschützt werden. Natürlich müssen sie das. Aber Schutz heisst nicht Isolation.
Der Philosoph John Stuart Mill hat im 19. Jahrhundert formuliert, dass Freiheit nur dann eingeschränkt werden darf, wenn klarer Schaden an anderen verhindert werden muss. Nicht aus Angst. Nicht aus moralischer Empörung. Nicht weil jemand auf Gedanken kommen könnte, die uns nicht gefallen.
Der im Jahre 2004 verstorbene amerikanische Philosoph Joel Feinberg sprach vom „Recht auf eine offene Zukunft“. Wenn wir Jugendlichen digitale Räume entziehen, entziehen wir ihnen reale Kompetenzen.
Digitale Kommunikation ist heute keine Spielerei. Sie ist Infrastruktur. Jede KMU ist online. Jede Behörde. Jede Armee. Jede Universität.Und wir wollen Jugendlichen den Zugang zu diesem Raum pauschal verwehren?
Das ist nicht realistisch. Und es ist nicht klug.
Aber es geht nicht nur um Rettungsräume für Einzelne.
Soziale Medien eröffnen Horizonte.
Früher war unser Informationsraum lokal. Vielleicht national. Was die Tagesschau brachte, das war Welt. Was die Zeitung druckte, das war relevant. Heute kann ich mich direkt informieren, was in Argentinien geschieht. Oder in El Salvador. Oder in Paraguay. Oder in Japan. Ich entdecke Musik aus Indien. Literatur aus Südamerika. Ich erfahre, was im Iran geschieht – auch dann, wenn es hier keine Schlagzeile wird, weil Medien verständlicherweise nur jene Inhalte bringen, die für eine Mehrheit von Interesse sind.
Das ist keine Kritik an Medien. Das ist Realität. Redaktionen müssen auswählen.
Aber soziale Medien haben diese Auswahl demokratisiert.
Wer mehr wissen will, kann mehr wissen.Wer spezielle Interessen hat, findet Gleichgesinnte.Wer tiefer graben will, kann tiefer graben. Das ist eine Demokratisierung von Information, wie es sie in dieser Form noch nie gegeben hat.
Und das ist ein Segen für neugierige Menschen.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der mir besonders wichtig ist.
Soziale Medien sind nicht nur Unterhaltungsplattformen.Sie sind eine gigantische Bildungsressource.
Wenn meine Tochter eine mathematische Aufgabe nicht versteht, sucht sie sich ein Video. Und plötzlich macht es Klick.
Das ist kein Luxus.Das ist Bildung.
Wenn bei Ihnen das Auto nicht funktioniert – Sie schauen ein Video.Wenn der Computer streikt – Sie recherchieren online. Wenn Sie etwas über Geschichte wissen wollen – Sie hören einen Podcast.
Wir alle nutzen diese Infrastruktur täglich. Und gleichzeitig erklären wir sie für Jugendliche pauschal zur Gefahrenzone. Das ist inkonsequent.
Es ist, als würden wir sagen:„Für uns ist es Werkzeug – für euch ist es Gift.“
So funktioniert Glaubwürdigkeit nicht.
Jetzt kommen wir zum Kern der Sache.
Ein Social-Media-Verbot ersetzt Eltern durch den Staat.
Sind Eltern nicht mehr in der Lage, Regeln zu setzen? Kein Handy vor dem 13. Geburtstag. Keine Geräte am Abend. Kein Bildschirm während des Essens. Das ist Erziehung.
Aber dann müssen wir auch konsequent sein. Wenn ich als Vater sage: „Zwischen 17 und 21 Uhr keine Geräte“, dann kann ich nicht selbst daneben sitzen und doomscrollen. Dann bin ich nicht glaubwürdig. Dann bin ich heuchlerisch.
Vorbild wirkt stärker als Gesetz. Das ist empirisch gut belegt. Eltern, die lesen, haben Kinder, die lesen. Eltern, die Sport treiben, haben Kinder, die Sport treiben. Erziehung lässt sich nicht delegieren.
Und was geschieht wenn ein 14-Jähriger ein staatliches Verbot umgeht? Wer wird bestraft? Kommt dann die Polizei nach Hause und verhaftet die Mutter? Gibt es eine saftige Busse? Kommt die KESB?
Man denkt immer, ein Verbot löse das Problem. Das ist ein sehr vereinfachtes Menschenbild. Je mehr wir regulieren, desto weniger üben wir Verantwortung ein. Und je mehr wir verbieten, desto mehr machen wir normales Verhalten zu Regelverstössen – nicht weil die Menschen schlechter werden, sondern weil das Gesetz immer enger wird.
Und dann bleibt noch eine Frage, die selten offen ausgesprochen wird.
Wie will man ein Altersverbot technisch überhaupt durchsetzen?
Es geht nur mit Identitätsprüfung. Digitale ID. Klarnamen. Hinterlegung persönlicher Daten.
Das bedeutet faktisch: Ende der echten Anonymität im Netz.
Und hier wird es ernst.
Anonymität ist kein Luxus für Trolle. Sie ist ein Schutzmechanismus für Freiheit.
Whistleblower decken Missstände anonym auf. Mitarbeitende kritisieren Macht anonym. Journalisten erhalten Hinweise anonym. Bürger wagen Kritik anonym, wenn sie Repression fürchten.
Voltaire – zumindest wird es ihm zugeschrieben – sagte sinngemäss:
„Um herauszufinden, wer über dich herrscht, musst du nur feststellen, wen du nicht kritisieren darfst.“
Genau darum geht es. In einer freien demokratischen Gesellschaft muss Kritik möglich sein – auch dann, wenn sie unbequem ist. Und manchmal ist sie nur dann möglich, wenn sie anonym bleibt.
Wenn jede digitale Äusserung an eine staatlich geprüfte Identität gebunden ist, verändert das unsere Freiheitskultur fundamental. Dann entsteht Selbstzensur. Nicht weil etwas ausdrücklich verboten ist – sondern weil man weiss, dass man beobachtbar ist. Und Selbstzensur ist die leiseste Form des Freiheitsverlustes.
Unter dem Vorwand des Jugendschutzes könnte man genau diese Infrastruktur einführen. Schritt für Schritt. Mit guten Absichten. Aber Freiheit verschwindet selten mit einem grossen Knall. Sie verschwindet durch wohlmeinende Regelungen. Und genau deshalb müssen wir hier wachsam sein.
Am Ende stellt sich die Frage: Worum geht es wirklich?
Geht es nur um Schutz? Oder geht es auch um Kontrolle von Meinungsbildung?
Soziale Medien haben dazu geführt, dass Meinungen nicht mehr nur von etablierten Medienhäusern oder Universitäten definiert werden. Jugendliche können heute libertäre Gedanken lesen. Sie können sich mit kritischen Stimmen auseinandersetzen. Mit Ideen, die im traditionellen Bildungsbetrieb kaum vorkommen.
Ist das unbequem? Für manche sicher.
Aber eine freie Gesellschaft lebt davon, dass Menschen Zugang zu unterschiedlichen Perspektiven haben.
Ein präventiver Regulierungsstaat hingegen lebt davon, jedes Risiko sofort in Gesetz zu giessen.
Freiheit ist riskant. Erziehung ist anstrengend. Selbstverantwortung ist unbequem.
Aber genau das macht eine mündige Gesellschaft aus.
Soziale Medien haben Schattenseiten. Ja. Aber auch alle anderen Lebensbereiche haben gute und schlechte Seiten, negative und positive Aspekte. Aber man darf nicht vergessen , dass Soziale Medien auch Bildungsraum. Rettungsraum. Und Vernetzungsraum sind.
Ein pauschales Verbot ist keine differenzierte Antwort. Es ist ein Ausdruck von Misstrauen – gegenüber Eltern, gegenüber Jugendlichen, gegenüber Freiheit.
Jugendliche brauchen Orientierung. Aber sie brauchen auch Freiheit, um Verantwortung zu lernen.
Wer aus Angst vor dem digitalen Schulhof die Tür zuschlägt,nimmt vielleicht nicht nur Gefahr –sondern auch Hoffnung.


