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Feminismus ohne Opferstatus - Zum Geburtstag von Meta von Salis

  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit


Meta von Salis - geboren am 1. März 1855 - war ihrer Zeit voraus. 1887 forderte sie das Frauenstimmrecht – 84 Jahre bevor es in der Schweiz Realität wurde. Doch sie argumentierte nicht mit Empörung, sondern mit Verantwortung, Bildung und Charakter. In dieser Folge geht es um eine fast vergessene Pionierin, die Gleichberechtigung radikal individuell dachte – und uns heute mehr herausfordert, als uns vielleicht lieb ist.



Heute spreche ich über Feminismus.

Aber nicht über den lauten.

Nicht über den kollektivistischen.

Nicht über den ideologischen.


Sondern über einen radikal individuellen Feminismus – geprägt von einer Schweizerin, die in der Gleichberechtigungsdebatte dieses Landes viel zu wenig Beachtung findet.


Ich spreche über eine Schweizerin, die freier im Denken war als viele von uns heute.


Heute vor 171 Jahren, am 1. März 1855, wurde ein Mädchen geboren. Ein aussergewöhnliches Mädchen. Und zwar auf Schloss Marschlins bei Landquart, im Kanton Graubünden. In einer Welt, in der Frauen politisch nicht existierten.


Und dieses Mädchen heisst Meta von Salis.


Stellen wir uns das 19. Jahrhundert vor, die Mitte des 19. Jahrhunderts: kein Frauenstimmrecht, keine politische Mitsprache. Universitäten fast ausschliesslich für Männer.


Und dann kommt diese junge Frau, die sich nicht einfach mit diesen Gegebenheiten abfindet. Die nicht einfach ihren Platz einnimmt, sondern den Zeitgeist infrage stellt.


Ich bin Meta von Salis nicht über eine Genderdebatte begegnet. Sondern über Friedrich Nietzsche. In der Biografie „I Am Dynamite“ von Sue Prideaux, veröffentlicht 2018. Eine brillante Biografie – unterhaltsam und verständlich. Und dort taucht Meta von Salis auf: nicht als Statistin, nicht als Verehrerin, nicht als Geliebte, sondern als Gesprächspartnerin, als intellektuelle Sparringpartnerin.


Und da fragte ich mich: Wer ist diese Frau? Warum hört man von ihr so wenig in der Schweiz? Das war eine Revolutionärin. Eine Frau, die heute modern wirkt. In einer Gesellschaft männlicher Dominanz hatte sie den Mut, nicht nur zu kritisieren, sondern hinzustehen für das, was sie glaubte.


Nietzsche hatte ein Gespür für starke Persönlichkeiten. Für ihn war entscheidend, ob jemand eine Persönlichkeit war. Er suchte Spannung im Denken. Frauen waren für ihn keine Dekoration. Er wollte Widerstand. Er wollte herausgefordert werden. Und in seinem Leben spielten mehrere faszinierende, eigenwillige und starke Frauen wichtige Rollen: Lou Andreas-Salomé, Cosima Wagner – und Meta von Salis.


Stellen wir uns Sils-Maria vor. Berge. Weite. Der halb sehbehinderte, kranke, isolierte Philosoph. Und ihm gegenüber eine selbstbewusste Historikerin, die widerspricht, mitdenkt, argumentiert.


Das ist kein Zufall. Das ist Charakter.


1887, mit 32 Jahren, promoviert sie an der Universität Zürich in Geschichte. Sie war eine der ersten Frauen in der Schweiz mit einem Doktortitel. Heute klingt das normal. Damals war es eine Grenzüberschreitung.


Die Hörsäle waren voller Männer in dunklen Anzügen. Und dann sitzt dort eine Frau. Skeptische Blicke. Beobachtung. Ausnahmen werden immer geprüft. Das ist heute nicht anders.


Sie schrieb über eine mittelalterliche Kaiserin. Sie dachte in grossen Linien: Geschichte, Macht, Verantwortung. Und sie wusste: Jeder Fehler wird doppelt gewertet.


Das braucht innere Festigkeit.


Im selben Jahr veröffentlichte sie ihr Essay „Ketzerische Neujahrsgedanken einer Frau“ in der liberalen Tageszeitung „Züricher Post“.


Ketzerisch. Ein bewusst gewähltes Wort. Kein Wort für Angepasste.


Sie forderte das Stimmrecht für Frauen. 1887. Die Schweiz führte es 1971 ein – 84 Jahre später.


Das ist Vorhut. Und Vorhut bedeutet: Du gehst zuerst. Du bekommst den Wind ins Gesicht. Die Zweifel. Die Einsamkeit.


Was mich beeindruckt, ist ihre Begründung. Sie argumentiert nicht mit Empörung. Nicht mit Opferstatus. Sondern mit Reife.


Sinngemäss sagt sie: Nicht das Geschlecht entscheidet über staatsbürgerliche Würde, sondern die geistige Fähigkeit, Verantwortung zu tragen.


Nicht: Wir sind Opfer, also gebt uns Rechte.

Sondern: Wir sind fähig, also stehen uns Rechte zu.


Sie wollte keine Sonderbehandlung. Sie wollte Bürgerinnen – mit Rechten und mit Pflichten. Gleichberechtigung als Rechtsgleichheit, nicht als Garantie gleicher Ergebnisse.


Meta von Salis dachte vom Individuum her.


Sie hätte gefragt: Bist du bereit, Verantwortung zu tragen? Bist du bereit, dich zu bilden? Bist du bereit, für deine Freiheit einzustehen?


Das ist stoisch. Das ist unbequem. Das ist erwachsen.


In diesem Punkt steht sie in einer geistigen Linie mit radikal individualistischen Denkerinnen wie Ayn Rand. Rand wandte sich gegen Kollektivismus und gegen die Auflösung des Individuums in der Masse. Man muss ihr nicht in allem zustimmen. Aber man versteht den Kern: Der Mensch ist kein Rädchen. Er trägt Verantwortung.


Oder denken wir an Simone de Beauvoir oder Hannah Arendt. Meta war früher. Sie hatte keine Bewegung hinter sich. Sie war eine Einzelne.


Später entwickelte sich ihr Denken weiter. Sie dachte stärker national, kulturell gebunden, wie viele im bürgerlichen Milieu ihrer Zeit. Emanzipation bedeutete für sie Integration in Verantwortung, nicht Auflösung von Staat oder Kultur. Sie war komplex. Und gerade das macht sie glaubwürdig.


Warum hören wir heute so wenig von ihr? Vielleicht, weil sie nicht bequem ist. Sie passt nicht sauber in heutige Raster. Sie war weder kollektivistische Aktivistin noch konservative Traditionalistin. Sie war eine individualistische Staatsbürgerin.


Und vielleicht ist genau das heute relevant.


Rechte ohne Pflichten sind hohl. Freiheit ohne Charakter zerbrechlich.


Meta von Salis lebte, was sie forderte. Sie bildete sich. Sie argumentierte. Sie exponierte sich.


Sie war nicht perfekt. Aber sie war ernsthaft.


Und vielleicht ist das die grösste Provokation unserer Zeit: Ernsthaftigkeit.


Am 1. März lohnt es sich, an sie zu denken. Nicht als Ikone eines Lagers. Sondern als Erinnerung daran, dass echte Emanzipation beim Individuum beginnt.


Nicht im Chor. Sondern im Charakter.


Stell dir noch einmal Schloss Marschlins vor. Ein junges Mädchen in einer Welt ohne politische Stimme für Frauen. Niemand hätte gewettet, dass diese Frau 84 Jahre vor Einführung des Frauenstimmrechts öffentlich fordern würde, was selbstverständlich sein sollte.


Und doch tat sie es.


Nicht, weil es bequem war.

Nicht, weil es populär war.

Sondern weil sie überzeugt war.


Sie wartete nicht, bis die Zeit reif wurde. Sie wurde selbst reif – und sprach.


Freiheit beginnt nicht mit Forderungen.

Sie beginnt mit innerer Festigkeit.


Gleichberechtigung beginnt nicht mit Lautstärke.

Sie beginnt mit Verantwortung.


Meta von Salis hat sich entschieden, Bürgerin zu sein – in einer Zeit, in der man ihr diese Rolle verweigerte.


Und vielleicht ist das die eigentliche Provokation: Ernsthaftigkeit.


Wir leben in einer Epoche schneller Urteile und schneller Empörung. Aber Charakter entsteht langsam. Bildung entsteht langsam. Reife entsteht langsam.


Meta von Salis ging diesen Weg.


Und die Frage ist nicht, ob sie in unsere Narrative passt.


Die Frage ist, ob wir den Mut haben, ihre Ernsthaftigkeit auszuhalten.


Nicht im Chor.

Sondern im Charakter.

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