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150 Meter in die Tiefe. Danach blind – und Steven Mack entschied sich für das Leben

vor 13 Stunden
3 Min. Lesezeit

Ein Sprung von einer Brücke veränderte sein Leben. Heute ist Steven Mack blind, klettert auf Berge, sucht die Geschichten fremder Menschen – und hat darüber ein Buch geschrieben: “DerGoldfahrer”.


Steven Mack stürzt 150 Meter von einer Brücke, bricht sich 41 Knochen und verliert sein Augenlicht. Heute klettert er, trainiert für Los Angeles 2028 und steigt in Züge, um mit wildfremden Menschen über ihr Leben zu sprechen. Sein neues Buch «Der Goldfahrer» erzählt von diesen Begegnungen – und von einer einfachen Erkenntnis: Jeder Mensch trägt eine Geschichte in sich. Man muss nur bereit sein, sie zu hören.



Steven Mack ist blind. Vollständig. Kein Hell und Dunkel, keine Schatten, keine Konturen. Nichts.

Und doch hat man nach zwei Stunden mit ihm nicht das Gefühl, einem Mann gegenüberzusitzen, dessen Welt kleiner geworden ist. Eher im Gegenteil.


Steven Mack war zu Gast in meinem Podcast «Der Stoische Pirat». Er ist 40 Jahre alt, kräftig, humorvoll, neugierig und auf eine angenehme Art schwer zu beeindrucken. Er klettert auf hohem Niveau, fährt Fahrrad, macht Kraftsport und trainiert mit Blick auf Los Angeles 2028. Dass er blind ist, erwähnt er ohne Selbstmitleid. Es ist eine Tatsache seines Lebens. Nicht seine Identität.


Am 28. Mai 2006 änderte sich dieses Leben innerhalb weniger Sekunden. Mack war damals 20 Jahre alt. Er suchte Grenzen. Nicht metaphorisch, sondern ziemlich real. Er sprang von Brücken, kletterte, ging dorthin, wo Angst und Adrenalin beginnen. An diesem Tag sprang er von einer rund 150 Meter hohen Brücke im Wallis.

Die Seile hielten nicht.


Mack stürzte ungebremst in den Wald. 41 gebrochene Knochen. Koma. Als er wieder erwachte, war er blind.

Dass ein Mensch einen solchen Sturz überhaupt überlebt, grenzt an das Unfassbare. Mack selbst betrachtet die Geschichte erstaunlich nüchtern. Wenn ihm Menschen später «mehr Glück» wünschten, stellte er sich eine andere Frage:


«Wie kann ich noch mehr Glück haben? Ich habe 150 Meter von einer Brücke überlebt. Ich kann mich immer noch bewegen.»

Das ist typisch Steven Mack. Er romantisiert seine Blindheit nicht. Er sagt ausdrücklich, dass sie schwierig sein kann. Aber er weigert sich, sein Leben von dem bestimmen zu lassen, was ihm fehlt.

Sechs Jahre nach dem Unfall zog er sich für fast 40 Tage allein in eine Waldhütte zurück. Kein Handy. Kein Internet. Kein Besuch. Keine Ablenkung. Dort kam das, was er zuvor mit Aktivität und Vorträgen überdeckt hatte: Trauer, Wut, Schuld, Schmerz. Mack weinte, kämpfte, wollte abbrechen. Danach trennte er sich radikal von seinem alten Leben. Unfallakten, Röntgenbilder, Fotos, Klettermaterial, Wohnung, alte Kontakte – vieles verschwand.

Nicht der Unfall sollte fortan entscheiden, wer Steven Mack ist.

Sein vielleicht stärkster Satz im Gespräch lautet deshalb nicht: Ich bin nicht schuld.

Sondern:


«Ich bin nicht schuld, aber ich will Verantwortung übernehmen.»

Darin steckt viel von seiner Lebensphilosophie. Wir kontrollieren nicht alles, was uns widerfährt. Aber wir tragen Verantwortung dafür, was wir daraus machen.


Und dann ist da «Der Goldfahrer».


Der Titel seines neuen Buches geht auf einen Begleitausweis zurück, den Mack wegen seiner Blindheit besass. Wer ihn im Zug begleitete, konnte kostenlos mitfahren – und umgekehrt. Mack entwickelte daraus ein eigenwilliges Experiment: Er stieg ohne Begleitung in den Zug und suchte sich seine Begleitperson unterwegs. Seine Methode war denkbar einfach: mit Fremden reden. «Hat jemand Lust auf ein Gespräch?» Plötzlich sass da ein Mensch. Kein Profilbild. Kein Algorithmus. Keine sorgfältig kuratierte Selbstdarstellung. Einfach ein Mensch.


Über Jahre führte Mack so unzählige Gespräche. Menschen erzählten ihm von Liebe und Einsamkeit, Gewalt, Gefängnis, Drogen, psychischen Erkrankungen, Familie, Sexualität, Hühnern und völlig gewöhnlichen Tagen. Ein Mann erzählte ihm, wie seine Mutter vor seinen Augen erschossen wurde. Ein anderer von 18 Jahren Psychiatrie. Wieder andere von kleinen, absurden und wunderschönen Momenten ihres Alltags.


Vielleicht half dabei gerade Macks Blindheit. Er kann sein Gegenüber nicht nach Kleidung, Hautfarbe, Schönheit oder Status vorsortieren. Er muss zuhören.

Und die Menschen öffnen sich.


«Der Goldfahrer» ist deshalb nur vordergründig ein Buch über Zugreisen. Eigentlich ist es ein Buch über Menschen. Über die Geschichten, die jeden Tag neben uns sitzen, während wir auf unsere Bildschirme starren.

Mack formuliert es wunderbar:


«Wir sind gegenseitig die spannendsten Podcasts.»

Das ist die eigentliche Idee hinter «Goldfahrer». Wir suchen Unterhaltung, Inspiration und menschliche Geschichten auf Displays – und übersehen dabei den Menschen einen Meter neben uns.

Aus all diesen Begegnungen ist bei Mack ein bemerkenswert positives Menschenbild entstanden. Nicht naiv. Er wurde als Blinder überfallen, ausgenutzt und verletzt. Trotzdem erzählt er viel häufiger von helfenden Händen, unerwarteter Nähe und Fremden, die für einen Augenblick keine Fremden mehr waren.


Seine Bilanz nach 20 Jahren Blindheit ist entsprechend einfach:

«Jeder hat eine Geschichte.»


Steven Mack inspiriert. Nicht nur weil er blind klettert. Nicht einmal, weil er nach einem beinahe tödlichen Unfall wieder aufgestanden ist. Sondern weil er sich vom Leben seine Neugier nicht nehmen liess.

Steven Mack sieht nichts. Und erinnert uns gerade deshalb daran, genauer hinzuschauen.


Wenn Ihnen "der stoische Pirat" gefällt, dann spenden sie mir doch ein oder mehrere Kaffees:

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