Sikhismus: Die Religion, die mich überrascht hat – und die sich erstaunlich schweizerisch anfühlt
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Ich betrete einen Raum, ziehe die Schuhe aus – und soll niederknien. Nicht vor einem Menschen. Nicht vor einer Institution. Sondern vor einem Buch. Ein paar Stunden später sitze ich auf dem Boden, esse mit völlig fremden Menschen – und frage mich: Warum fühlt sich das so vertraut an?
Wenn 37% konfessionslos sind – aber nicht atheistisch
Wir reden heute viel über Religion. Meist geht es dabei um das Christentum und den Islam. Was dabei oft vergessen wird: Rund 37% der Schweizer Bevölkerung bezeichnen sich heute als konfessionslos. 1970 war es gerade mal 1%. Aber anzunehmen, dass all diese Menschen Atheisten sind, wäre falsch. Viele haben Mühe mit der organisierten Religion – nicht mit dem Glauben selbst. Ähnlich wie Menschen, die in keiner Partei sind, aber trotzdem an unsere Demokratie glauben.
Ich bin überzeugt: Der Mensch braucht den Glauben an etwas, das über das eigene Ego hinausgeht. Der Psychiater Carl Gustav Jung sagte: «Wer den religiösen Ausblick verliert, verliert die Grundlage seines Lebens.» Jung sagte das als Kliniker – nicht als Prediger.
Ich glaube aber auch: Man muss sich dafür nicht blind einer einzigen Religion verschreiben. Der Mensch wird nicht gut, weil er Dogmen befolgt. Er wird gut, wenn er sich seine eigenen erschafft – bewusst, kritisch, verantwortlich. Alles andere ist Gehorsam. Aber kein Charakter.
Eine zögernde Frage – und eine herzliche Einladung
Vor ein paar Monaten war ich als Gastredner bei einer Feierlichkeit eines indischen Vereins in Bern. Im Gespräch mit einem Sikh fragte ich zögerlich: „Wäre es möglich, einmal einen Gurdwara zu besuchen?" Die Reaktion: pure Freude. Wenige Wochen später lud er mich zum Geburtstag des zehnten Gurus, Guru Gobind Singh, ins Gurdwara in Däniken im Kanton Solothurn ein.
In der Nachricht stand: „Beginn um 10 Uhr." Als Schweizer war für mich klar: Ich bin pünktlich um 10 Uhr da. Er schrieb noch einmal nach: „Du musst nicht genau kommen, komm einfach später." Ich kam trotzdem pünktlich. Das Ganze dauerte fünfeinhalb Stunden. Leute kamen später, andere gingen früher. Es wäre wirklich nicht schlimm gewesen. Diese offene, lebendige Ordnung ohne starren Ablauf hat mich tief angesprochen – so anders als unsere getaktete Schweizer Alltagsdisziplin. Und doch funktionierte es.
Ego ablegen beim Eintreten
Als ich den Gurdwara betrat, kniete ich nieder. Vor dem Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch im Zentrum des Raumes. In diesem Moment wird klar: Hier geht es nicht um Status. Nicht um Titel. Hier geht es darum, das eigene Ego an der Tür abzugeben.
Danach sass ich auf dem Boden. Schneidersitz. Zwei, drei Stunden. Ungewohnt, anstrengend – und doch blieb ich gerne. Menschen kamen und gingen. Setzten sich, hörten zu, tranken Chai, diskutierten, kehrten zurück. Niemand schaute auf die Uhr.
Ich hatte schon längere Zeit Sympathien für den Sikhismus – nicht zuletzt wegen des «Warrior Ethos», den diese Gemeinschaft seit Jahrhunderten verkörpert. Aber was ich im Gurdwara erlebte, ging tiefer. Es fühlte sich von der ersten Minute an vertraut an.
Sikh bedeutet: Lernender
Es lohnt sich, einen Moment bei diesem Wort innezuhalten. Sikh bedeutet schlicht Lernender. Wer sich zu dieser Gemeinschaft zählt, bekennt sich nicht in erster Linie zu einer Doktrin – sondern zu einer Haltung. Der Haltung eines Menschen, der weiss, dass er nicht alles weiss. Der neugierig bleibt, fehlbar ist – und genau deshalb wachsen kann.
Ein Mensch, der sich als Lernender versteht, bleibt bescheiden und kritisch zugleich. Er argumentiert nicht mit Empörung, sondern mit Vernunft. In einer Zeit, in der politische Strömungen immer öfter mit Emotion statt mit Logik operieren, klingt das fast revolutionär. Sokrates hätte genickt.
Drei Prinzipien, die sofort einleuchten
Im Zentrum des Sikhismus stehen drei einfache, starke Grundsätze:
Naam Japna – Meditation, innere Verbindung zum Göttlichen, bewusstes Innehalten.
Kirat Karna – ehrliche, harte Arbeit.
Vand Chakna – freiwilliges Teilen und Dienen.
Arbeit ist hier kein notwendiges Übel, sondern Teil der menschlichen Würde. Man lebt nicht von anderen, nicht vom Staat – man übernimmt Verantwortung. Das fühlt sich schweizerisch an. Man teilt nicht aus Zwang, sondern weil es einem gut geht. Dienen geschieht freiwillig – und wirkt nicht wie Unterwerfung, sondern wie Selbstverständlichkeit. Im Bundeshaus steht: «Alle für Einen, Einer für Alle.» Das passt.
Das Langar – ein anderer Begriff von Opfer
Essen spielt im Gurdwara eine grosse Rolle. Man geht definitiv nicht hungrig nach Hause. Am Ende des Anlasses das Langar: Alle sitzen gemeinsam auf dem Boden, ohne Tische, ohne Hierarchie. Viele helfen beim Servieren, jeder räumt selbst auf. Keine unsichtbare Dienstklasse.
Der Sikhismus lehnt leere Rituale konsequent ab – auch jede Form von Tieropfern. Was hier «geopfert» wird, ist etwas anderes: Zeit. Ego. Ressourcen für andere. Das ist ein Opferbegriff, den ich verstehe – weil er nicht fordert, sondern gibt.
Gleichwürdigkeit, die man körperlich spürt
Ein intelligenter Mensch ist kein besserer Mensch. Ein reicher Mensch kein wertvollerer. Alle sitzen gleich auf dem Boden – das spürt man im Körper, nicht nur als Idee.
Das erinnert mich an Zürich, als ein Bundesrat hinter mir in der Kinokolonne stand. Oder an den Bundesrat im Tram in Bern. Oder jenen, der mit dem Fahrrad unterwegs war. Gleichwürdigkeit als gelebte Selbstverständlichkeit – nicht als politische Forderung.
Und diese Gleichheit ist keine moderne Errungenschaft: Seit über 500 Jahren werden Frauen und Männer im Sikhismus gleichbehandelt. Das Kastensystem wird konsequent abgelehnt – eine starke Aussage im indischen Kontext. Ein Gott, alle Menschen gleich.
Die fünf Ks – stille Erinnerungen an eine innere Haltung
Die fünf symbolischen Gegenstände – die Fünf Ks – tragen praktizierende Sikhs täglich auf sich. Auf den ersten Blick wirken sie wie äussere Zeichen. Doch sie sind tägliche, stille Erinnerungen an eine innere Haltung.
Der Kamm – Kangha: Ordnung und tägliche Pflege von Körper, Geist und Seele. Gepflegtheit beginnt bei der Selbstachtung. Was ich auch Offiziersaspiranten immer vermittelt habe: Wer sich selbst nicht pflegt, kann andere nicht führen.
Der Stahlarmreif – Kara: Ein stilles Memento mori. Erinnerung an die eigene Sterblichkeit – nicht düster, sondern klärend. In unserer schnelllebigen Zeit fast ein Gegenmittel zu unserem hektischen Fortschrittsdenken.
Die Unterkleidung – Kachera: Selbstbeherrschung und Disziplin. Ein Thema, das heute fast provokativ wirkt. Aber vielleicht beginnt echte Freiheit genau dort, wo man sich nicht von jedem Impuls treiben lässt. Wer sich selbst nie Grenzen setzt – ist der wirklich frei? Selbstbeherrschung ist auch emotionale Kontrolle. Und damit Respekt vor anderen.
Der Dolch – Kirpan: Eine Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit nicht von selbst entsteht. Frieden ist kein Zustand – er muss geschützt werden. Die Sikhs suchen den Kampf nicht. Aber wenn er zu ihnen kommt, weichen sie ihm nicht aus. Friedlich – aber nicht wehrlos. Das klingt sehr schweizerisch.
Das ungeschnittene Haar – Kesh: Natürliche Würde. Akzeptanz der Schöpfung, wie sie ist. Keine künstlichen Schönheitsideale – sondern Authentizität. Würde hängt nicht von äusserer Perfektion ab.
Wehrhaft, staatskritisch – und trotzdem konstruktiv
Der Sikhismus kennt keine blinde Staatsgläubigkeit. Macht muss moralisch geführt, kontrolliert und rechenschaftspflichtig bleiben. Historisch waren die Sikhs basisdemokratisch organisiert – mit gemeinschaftlichen Entscheidungen und geteilter Verantwortung.
Und: Im Sikhismus findet man keine Aufrufe zur Gewalt gegen andere Religionen, keine institutionalisierte Feindschaft, keine religiöse Rechtfertigung für Unterdrückung. In einer Welt, in der Religion oft als Spaltungsinstrument missbraucht wird, ist das alles andere als selbstverständlich. Es erklärt, warum Sikh-Gemeinschaften weltweit als stabil, konstruktiv und sozial positiv wahrgenommen werden – nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Haltung.
Was uns fehlt – und was wir lernen könnten
Zwei der drei Grundsätze der Sikhs finden wir in der Schweiz: harte Arbeit und freiwilliges Teilen. Was uns fehlt, ist das Dritte: die bewusste Zeit zur inneren Einkehr.
Ein Sikh erzählte mir, dass er das einmal in der Schweiz gespürt hatte. Als er vor dreissig Jahren ankam, sah er auf Wanderungen noch Menschen, die den Rosenkranz beteten. Bauern luden ihn spontan ein, etwas zu trinken oder zu essen. Gerade bei der ländlichen Bevölkerung fühlte er sich sofort zu Hause.
Vielleicht sollten wir damit anfangen, uns wieder als Lernende zu verstehen. Als Menschen, die wissen, dass sie nicht alles wissen. Die neugierig bleiben, fehlbar sind – und genau deshalb wachsen können.
Sikh eben.
Fazit: Freiheit, die gelebt wird
Diese Philosophie wirkt auf mich liberal, menschenfreundlich – und erstaunlich schweizerisch: harte Arbeit, Eigenverantwortung, freiwillige Solidarität, Gleichwürdigkeit, kritisches Denken, ruhige Würde.
Freiheit wird hier nicht gefordert. Sie wird gelebt. Still. Würdig. Verantwortlich.
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Bleibt kritisch. Bleibt neugierig. Bleibt Lernende.
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