«Hätte ich doch nur …» – Vom Mut, das eigene Leben zu leben
Gerhard Amacher ist Höhlenforscher, Unternehmer, Abenteurer und ein Mann, der sich einiges getraut hat. Doch ausgerechnet er sagt heute: In den wirklich wichtigen Momenten seines Lebens war er manchmal zu wenig mutig. Eine Zusammenfassung meines Gesprächs mit einem inspirierenden Menschen über Erfolg und Erfüllung, verpasste Chancen, Freiheit – und die Frage, was am Ende wirklich zählt.
Es gibt Sätze, die möchte man am Ende seines Lebens möglichst selten sagen müssen. Einer davon lautet: «Hätte ich doch nur …» Gerhard «Geri» Amacher kennt diesen Satz.
Vor fünfeinhalb Jahren war er mein allererster Gast beim «Stoischen Piraten». Damals war Corona, sein Geschäft praktisch zum Stillstand gekommen und ein geplanter Weltrekord musste warten. Als wir uns nun wieder gegenübersassen, war vieles anders. Den Weltrekord hat er längst geschafft. Rund 480 Menschen waren 2022 beim Höhlen-Raclette dabei, Musik, Freunde, ein grosses Fest. Ein Moment, auf den er lange hingearbeitet hatte. Und dann? Leere.
Das ist die erste grosse Erkenntnis unseres Gesprächs: Erfolg ist nicht dasselbe wie Erfüllung.
Der Weltrekord war erreicht, doch Gerry begann sich zu fragen, was er eigentlich wirklich mit seinem Leben anfangen wollte. Gleichzeitig starben zwei gute Freunde. Plötzlich war da nicht mehr nur die theoretische Erkenntnis, dass unser Leben endlich ist. Sie bekam Gesichter.
«Ich muss endlich den Mut haben, das zu leben, was ich schon lange hatte», sagt er im Gespräch. Er wollte schreiben. Auf die Bühne. Seine Geschichten und Erfahrungen weitergeben. Und er wollte nicht irgendwann zurückblicken und sich fragen, warum er es nie getan hatte.
(Fehlender) Mut als zentrales Thema
Dabei ist Mut bei Gerry ein faszinierendes Thema. Dieser Mann ist in Höhlen vorgedrungen, in die sich die meisten Menschen nicht einmal hineinwagen würden. Er hat Expeditionen erlebt, Extremsituationen gemeistert und Risiken auf sich genommen. Und trotzdem sagt er sinngemäss: Dort draussen war ich mutig. Als Mensch manchmal feige.
Diese offene Bekundung der eigenen Schwäche ist mitunter ein Grund, weshalb Gerry so sympathisch wirkt. Er erzählt nicht die Heldengeschichte eines Mannes, der alles richtig gemacht hat. Er erzählt von dem, was er falsch gemacht oder versäumt hat.
Eine dieser Geschichten betrifft seinen Vater. Dessen grosser Wunsch war eine besondere Reise nach Tibet. Gerry hätte mitgehen können. Doch da waren das Geschäft, Verpflichtungen und die Frage, was der Geschäftspartner dazu sagen würde. Gerry sagte Nein. Die Reise wurde verschoben. Später starb sein Vater. Diese Reise kann er nicht nachholen.
Das grössere Risiko im Leben ist manchmal nicht das Scheitern. Sondern es nie versucht zu haben.
Gerry hat daraus eine Konsequenz gezogen. Wenn heute seine innere Stimme deutlich «Mach!» sagt, dann versucht er, auf sie zu hören. Wie wichtig das sein kann, zeigt eine andere Geschichte.
Auf einer Bergtour gerät Geri in eine Situation, in der er glaubt, dass er möglicherweise sterben wird. Er gleitet den Hang herunter, wird immer schneller, sieht die Bäume, den Abgrund und realisiert, was passieren könnte. Bemerkenswert ist, woran er in diesem Augenblick denkt. Nicht an den Weltrekord. Nicht an Geld. Nicht an beruflichen Erfolg.
«Wenn ich jetzt sterbe, dann ist der letzte Kontakt mit meiner Frau Streit. Kann ich nicht mehr gutmachen.»
Ein brutaler Gedanke. Aber einer, den wir uns öfter stellen sollten. Denn wir leben erstaunlich häufig so, als hätten wir unbegrenzt Zeit. Das schwierige Gespräch führen wir später. Die Reise machen wir irgendwann. Dem Freund sagen wir ein anderes Mal, was er uns bedeutet. Den Traum verfolgen wir, wenn es beruflich etwas ruhiger geworden ist.
Nur: Wir wissen nicht, welches Mal das letzte Mal ist.
Damit führt das Gespräch fast zwangsläufig zu einem weiteren grossen Thema: Freiheit.
Für Geri bedeutet Freiheit nicht, tun und lassen zu können, was man will. Absolute Freiheit gibt es ohnehin nicht. Es geht ihm um Selbstbestimmung: entscheiden zu können, was er tut, wann er es tut, mit wem – und ebenso wichtig, was er nicht mehr tut. Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Viele Menschen bauen sich über Jahre einen goldenen Käfig. Das Einkommen steigt, der Lebensstandard ebenfalls. Haus, Auto, Ferien, Verpflichtungen, Erwartungen. Irgendwann verdient man vielleicht ausgezeichnet – kann aber kaum noch Nein sagen.
Geri stellt deshalb eine einfache Frage: Wie viel brauche ich wirklich?
Wer seine persönliche «Freiheitszahl» kennt, gewinnt Handlungsspielraum. Nicht Besitz macht frei, sondern die Fähigkeit, Entscheidungen nicht permanent aus Angst vor Statusverlust oder finanziellen Konsequenzen treffen zu müssen.
Am Ende laufen all diese Gedanken auf das Thema seines neuen Buches hinaus: Lebensfreude.
Gerry hat dafür zwölf Begriffe gewählt – von Liebe über Energie, Sinn und Freiheit bis zu Dankbarkeit und Erfüllung. Seine zentrale Botschaft ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Lebensfreude entsteht nicht zufällig. Sie beginnt mit einer Entscheidung. Das ist wohl die wichtigste Erkenntnis aus unserem Gespräch.
Wir können nicht bestimmen, wie lange wir leben. Wir können nicht jeden Verlust verhindern. Wir werden falsche Entscheidungen treffen und Chancen verpassen. Aber wir können versuchen, bewusster zu entscheiden, solange wir noch entscheiden können.
Gerhard Amacher hat sein neues Buch «Hätte ich doch nur» genannt. Es ist aus einem Gefühl der Reue entstanden – aber es ist kein Buch über Reue. Es soll Menschen Mut machen, im Hier und Jetzt mutiger zu leben. Und genau deshalb lohnt es sich auch, unser ganzes Gespräch zu hören oder anzuschauen. Denn hinter den grossen Fragen stehen Geschichten, Lachen, Zweifel, Höhlen, Freundschaften, Niederlagen und ein Mann, der nicht behauptet, das gute Leben gefunden zu haben.
Er sucht noch danach.
Wie wir alle.
Was möchtest du auf keinen Fall eines Tages mit den Worten beginnen müssen: «Hätte ich doch nur …»?
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